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Kritik zu „Blood & Sinners“: Wenn der Blues die Vampire ruft

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • 17. Apr. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Ein Biss, ein Bluesriff, eine Nacht, die alles verändert: Ryan Cooglers neuer und fünfter Spielfilm „Blood & Sinners“ öffnet die Türen zu einer Welt, in der Musik nicht nur heilt, sondern auch verdammt.


Kritik zu „Blood & Sinners“: Wenn der Blues die Vampire ruft
Bildnachweis: © Warner Bros.

Nach den Blockbuster-Erfolgen von „Creed“, „Black Panther“ und deren Fortsetzungen hat sich Ryan Coogler erstmals wieder einer Geschichte gewidmet, die nicht auf einem bestehenden Franchise basiert. Inspiriert von den Blues-Anekdoten seines Onkels und den Familienwurzeln seiner Großeltern hat er ein selbst verfasstes Drehbuch verfilmt, das Themen aufgreift, die Coogler nach eigener Aussage schon lange filmisch erkunden wollte. Dass Warner Bros. dafür jedoch bis zu 100 Millionen US-Dollar Budget genehmigte, ohne die Absicherung durch eine etablierte Marke, ist durchaus nicht branchenüblich.


Darum geht es:


Die Zwillinge Smoke und Stack kehren mit Chicago-Geld nach Clarksdale zurück, um in einer alten Scheune ein Juke Joint zu eröffnen. Mit Mundharmonika- und Piano-Blues-Musiker Delta Slim und Cousin Sammie an der Gitarre startet ihre Eröffnungsparty – 500 Flaschen irischer Bier und italienischer Rotwein inklusive. Doch was sie nicht wissen: Vampire haben es sich in der Gegend gemütlich gemacht.


Die Rezension:


Die Wahl des Jahres 1932 als zeitlicher Rahmen verleiht „Blood & Sinners“ einen authentischen Hintergrund, der das rassistisch geprägte Klima der Jim-Crow-Ära greifbar macht und zugleich die gesellschaftspolitischen Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen thematisiert, ohne sich dabei allein auf plakative Anklagen zu verlassen. Die Handlung, die sich über einen Tag und eine Nacht erstreckt, entwickelt sich zunächst wie ein klassisches Historiendrama und nutzt die erste Hälfte des Films, um eine dichte Atmosphäre aufzubauen, in der das Alltagsleben authentisch eingefangen wird. Dabei nimmt sich Coogler die Zeit, die Bewohner des Juke Joint als echte Menschen zu etablieren, bevor das Setting in einen blutigen Horrorstrudel stürzt.


Kritik zu „Blood & Sinners“: Wenn der Blues die Vampire ruft
Bildnachweis: © 2025 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Das durchdachte Erzähltempo erlaubt es den Figuren, sich organisch zu entfalten, was dem finalen Gemetzel seine emotionale Wucht verleiht und dafür sorgt, dass die Eskalation nicht zur beliebigen Gewaltorgie verkommt. Trotz der hohen Dichte an Themen und Genres bleibt „Blood & Sinners“ bemerkenswert zugänglich. Die dramaturgische Balance zwischen gesellschaftskritischen Tönen, blutigen Actionszenen und humorvollen Momenten sorgt für eine Kurzweiligkeit, die über die gesamte Laufzeit von 138 Minuten trägt. In einer Zeit, in der viele Mainstream-Produktionen auf formelhafte Dramaturgie und austauschbare Heldengeschichten setzen, wirkt Cooglers Film wie eine wohltuende Ausnahme. Denn „Blood & Sinners“ balanciert stets geschickt zwischen gesellschaftskritischem Anspruch und Unterhaltungswert und wird dabei weder zu flach noch zu intellektuell.


Das liegt auch daran, dass Coogler keine klassische Exposition aufzieht. Klassisch nach dem Sinnspruch „Show, don’t tell“ folgt Coogler im Aufbau seiner Geschichte der David-Mamet-Methode. Ohne jene generischen Expositionsdialoge, die im gegenwärtigen Blockbuster-Kino gewohnt sind, wird es hier einmal wieder dem Zuschauenden überlassen, die Mosaiksteine der Charaktere und ihrer Motivationen selbst zusammenzusetzen, was auch dazu führt, dass man wirklich dabei bleiben muss. Während immer wieder davon gesprochen wird, wie man der abnehmenden Aufmerksamkeitsspanne des Publikums entgegenwirken kann, zeigt Coogler, wie man seine Zuschauenden vielleicht auch bei der Stange halten kann. Indem eben nicht direkt in den ersten Minuten offenbar wird, wie Smoke und Stack an das Geld und den Alkohol kamen und warum sie überhaupt zurückgekehrt sind.


Kritik zu „Blood & Sinners“: Wenn der Blues die Vampire ruft
Bildnachweis: © 2025 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Zentraler Ankerpunkt dieser Welt ist die Musik, insbesondere der Blues, der sich wie ein roter Faden durch die gesamte Handlung zieht. Denn anstatt die afroamerikanische Kultur lediglich als exotisches Beiwerk zu präsentieren, verankert Coogler diese tief in der Dramaturgie des Films. Coogler ließ sich hier vom Umstand inspirieren, dass der Blues im ländlichen Süden der USA schon früh in den Ruf geriet, Teufelsmusik zu sein, weil sich mehrere – sehr weltliche und sehr mythische – Faktoren überlagerten. Spätestens ab den 1920ern kursierte die Geschichte, man könne an einer nächtlichen Kreuzung dem Teufel seine Seele verkaufen und dafür virtuos Gitarre spielen. Zuerst wurde sie Delta-Gitarrist Tommy Johnson, dann seinem Namensvetter Robert Johnson zugeschrieben.


Johnsons Songs „Cross Road Blues“ und „Me and the Devil Blues“ griffen die Bilder willig auf und machten den Mythos weltweit populär. Zugleich greift „Blood & Sinners“ das Phänomen auf, dass die sogenannten Preacher’s Kids sich erst recht dem Blues zuwandten. Doch die Gründe, warum sich gerade Kinder von Predigern der verschrienen Teufelsmusik hingaben, sind leicht erklärbar. Wer als Kind des Pfarrhauses jeden Sonntag mitsang, lernte Rhythmus, Harmonien und oft auch gleich ein Instrument. Gleichzeitig ernährten Predigten eine Familie selten. Ein Sohn, der Samstag­nacht im Juke Joint spielte, brachte bares Geld heim – auch wenn die Kanzel das offiziell verbot. Außerdem war die Kirche sowohl die wichtigste Musikschule als auch die schärfste Sittenwächterin.


Kritik zu „Blood & Sinners“: Wenn der Blues die Vampire ruft
Bildnachweis: © 2025 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Der Blues bot ein Ventil gegen die moralische Enge, ohne dass man die vertrauten Klänge verlassen musste. Denn Blues und Gospel teilen Tonmaterial und Form: Ändert man „Lord“ zu „Baby“, wird aus einer Hymne ein Lovesong. Zeitgleich brandmarkten weiße Sittenwächter Jazz und Blues als lasterhafte „Negermusik“, die Matrosen, Frauen und Jugendliche in Bordelle führe. Dieses Stigma festigte die Gleichsetzung von Blues und teuflischer Verführung auch außerhalb schwarzer Gemeinden, was aber nicht dazu führte, dass der Blues nur von Schwarzen gehört wurde. „Den Weißen gefällt der Blues auch ganz gut“, sagt so Delroy Lindo als Bluesmusiker Delta Slim in einer Szene, „aber die, die ihn spielen, mögen sie nicht so sehr.“ All das griff Coogler auf und inszenierte den Blues sowohl als Musikform als auch in seiner Geschichte und nahm sich dabei insbesondere auch des titelgebenden Mythos des Sinners, des Sünders, an.


Der Blues wird hier zum Ausdrucksträger von Schmerz, Hoffnung und Widerstand – eine universelle Sprache, die historische Erfahrungen mit aktuellen Fragen nach Zugehörigkeit und Identität verwebt und in einer minutiös inszenierten Plansequenz gipfelt, die musikalisch eine Brücke von westafrikanischen Griots über den Delta Blues bis zu Funkadelic und frühem Hip-Hop schlägt. Eine universelle Sprache, die uns der bereits zweifach mit einem Oscar für die beste Filmmusik ausgezeichnete Komponist Ludwig Göransson mit einer erdigen Sinnlichkeit spüren lässt, die sich unmittelbar in Körper und Muskel überträgt. Zwischen brüchigen Slide-Gitarren, gospelsatten Chören und flirrenden Synthieflächen hat Göransson eine musikalische Untermalung geschaffen, die sowohl den Blues zelebriert als auch die von Coogler angestrebte Doppelgesichtigkeit hervorbringt.


Kritik zu „Blood & Sinners“: Wenn der Blues die Vampire ruft
Bildnachweis: © 2025 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Von IMAX bis Ultra Panavision – Coogler und Kamerafrau Autumn Durald Arkapaw haben für „Blood & Sinners“ auf variable Bildgrößen gesetzt, die so sowohl die Außenwelt als auch die persönlichen Geschichten der Figuren in ihre Perspektive setzen, um die Gegensätze zwischen Weite und Enge, Freiheit und Bedrohung in den Bildern zu verankern. Allerdings wirkt der Wechsel im Format teils etwas bemüht und auch teils nicht immer glücklich, wenn vom großen IMAX-Format weggewechselt wird. Ob man mit den variablen Bildgrößen warm wird, liegt vermutlich im Auge des Betrachters – die aufwändige IMAX-Kameraführung hätte aber durchaus auch noch mehr zum Einsatz kommen können. Autumn Durald Arkapaw zeigt nichtsdestotrotz, dass sie ein sehr gutes Gespür für Bilddramaturgie hat und immer wieder feine Perspektiven findet.


Gerade in jenen Sequenzen, in denen der Film von Tanz und Musik pulsiert, gelingt es Coogler und Arkapaw, die Kamera als beinahe körperliches Erlebnis einzusetzen, das den Rhythmus des Blues buchstäblich atmen lässt. Auch wenn sich die Vampir-Eskalation zuspitzt, ist die Kameraführung klar und präzise, behält in hektischen Momenten die Übersicht und hält in den Action-Sequenzen auch ordentlich drauf. Wenngleich der Film kein klassischer Vampir-Horror-Blockbuster ist, hat er doch auch genau jene Bilder, die man von einer Konfrontation mit Blutsaugern erwartet: Vampirzähne bohren sich in Kehlen, Pfähle durchbohren Herzen und Blutfontänen spritzen. Dabei vermeidet „Blood & Sinners“ aber über weite Strecken die gängigen Fallen des Genres. Coogler verlässt sich nicht allein auf Schockmomente, sondern verankert seine Gewaltszenen fest im sozialen und kulturellen Kontext, den er zuvor sorgfältig aufgebaut hat.


Kritik zu „Blood & Sinners“: Wenn der Blues die Vampire ruft
Bildnachweis: © 2025 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

So scheut sich die finale Eskalation nicht davor, die klassischen Motive des Vampirfilms mit dem Zorn einer marginalisierten Gemeinschaft zu verschmelzen. Wenn die Vampire in einem grotesk anmutenden Stepptanz die Verlockung der Unterwerfung feiern, kippt der Film endgültig ins Surreale und lebt von der Kraft seiner Allegorie. Schauspielerisch wird das Figurenensemble von einer starken Besetzung getragen, die die Nuancen der Charaktere präzise herausarbeitet. Im Zentrum steht Michael B. Jordan in seiner Doppelrolle als die ungleichen Zwillingsbrüder Smoke und Stack, wobei er beiden Figuren trotz äußerlicher Ähnlichkeit eine eigene innere Welt verleiht. Mit minimalen Unterschieden in Mimik, Körperhaltung und Stimmfarbe gelingt es ihm, zwei Figuren zu erschaffen, die trotz äußerlicher Ähnlichkeit individuelle Profile aufweisen.


Neben Jordan überzeugt vor allem Miles Caton als der junge Musiker Sammie, dessen Konflikt zwischen dem teuflisch gebrandmarkten Blues und seinen eigenen Träumen zum emotionalen Kern des Films wird. Darüber hinaus überzeugt Wunmi Mosaku in der Rolle der Medizinfrau Annie, die eine gleichermaßen tragische wie romantische Vergangenheit mit Smoke teilt. Ihre Präsenz ist elektrisierend – sie verkörpert eine Frau, die trotz Verlusten und sozialer Zwänge ihre Eigenständigkeit behauptet. Auch der zweite Zwilling pflegt eine ambivalente Beziehung zu einer Frau: Hailee Steinfeld verkörpert die weiße Mary mit kraftvoller Intensität als eigenwillige Fremde, die ihre eigenen Motive verfolgt. Nicht unerwähnt bleiben sollte Delroy Lindo, der als alternder Musiker Delta Slim dem Film eine melancholische Erdung verleiht.


Kritik zu „Blood & Sinners“: Wenn der Blues die Vampire ruft
Bildnachweis: © 2025 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

In kleineren Rollen überzeugen auch Omar Miller und Li Jun Li, die auch untereinander eine schöne Chemie haben. Als Antagonist und Vampir-Boss Remmick fungiert Jack O’Connell als stellvertretendes Symbol für die Ausbeutung Schwarzer Künstler durch ein System, das ihre Kunst vereinnahmt, ohne den kulturellen Kontext zu würdigen. Hier verdichtet sich die Vampir-Metapher zu einer scharfen Kritik an kolonialen Strukturen der Musikindustrie, die Schwarze Kunst zwar konsumiert, aber ihre Schöpfer marginalisiert. Statt dem Klischee des reinen Horrorfieslings begegnet dem Publikum mit O’Connells Remmick ein kultivierter Ausbeuter, dessen höfliche Fassade die gesellschaftlichen Mechanismen der Unterdrückung subtil entlarvt.


Fazit:


„Blood & Sinners“ verwebt Jim-Crow-Geschichte, Blues-Mythos und Vampirhorror zu einem atmosphärisch dichten Genre-Hybrid, der marginalisierte Wut genauso kraftvoll kanalisiert wie musikalische Ekstase. Dank sorgfältig aufgebauter Figuren, einer starken Besetzung und einer herausragenden audiovisuellen Bildsprache ist Ryan Coogler ein Film gelungen, der sowohl als unterhaltsames Entertainment als auch als gesellschaftskritische Allegorie ganz großes Kino ist.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 17. April 2025 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Blood & Sinners“:

Genre: Horror, Thriller, Drama, Action

Laufzeit: 138 Minuten

Altersfreigabe: FSK 16


Regie: Ryan Coogler

Drehbuch: Ryan Coogler

Besetzung: Michael B. Jordan, Hailee Steinfeld, Miles Caton und viele mehr ...


Trailer zu „Blood & Sinners“:


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