top of page

Kritik zu „Civil War“: Journalismus im Kreuzfeuer

Aktualisiert: 23. Mai

Inmitten einer Welt, die zunehmend von politischen Spannungen und gesellschaftlichen Konflikten geprägt ist, taucht Alex Garland mit seinem neuesten Werk „Civil War“ auf. Ein Name, der unweigerlich Assoziationen weckt – doch nicht mit dem Marvel-Blockbuster „The First Avenger: Civil War“ oder den blutigen Schlachten des amerikanischen Sezessionskriegs zwischen 1861 und 1865. Nein, Garlands „Civil War“ projiziert die Unruhen und Zerrissenheiten unserer eigenen Zeit in eine Zukunft, die beunruhigend nah erscheint.


Kritik zu „Civil War“: Journalismus im Kreuzfeuer
Bildnachweis: © A24 / DCM

Nach dem Erfolg von Filmen wie „28 Days Later“, „Ex Machina“ und zuletzt „Men – Was dich sucht, wird dich finden“ taucht der preisgekrönte Regisseur erneut tief in das Genre der Science-Fiction ein, um uns eine dystopische Vision zu präsentieren. Doch hier liegt die Faszination nicht in der entfernten Endzeit, sondern in der beklemmenden Nähe zu unserer eigenen Gegenwart. Am 6. Januar 2021 erschütterte ein beispielloser Angriff auf das Kapitol in Washington D.C. die Grundfesten der US-Demokratie. Ob dieser Vorfall Alex Garland zu „Civil War“ inspiriert hat oder nicht, eines steht fest: Szenarien wie im neuen A24-Film sind seit jenem Tag längst nicht mehr undenkbar.


Während die Vereinigten Staaten dieses Jahr auf die 60. Präsidentschaftswahl zusteuern, wirft Garlands Film einen dystopischen Blick auf mögliche Konsequenzen, die eine Gesellschaft erwarten, die sich an den Rändern des politischen Abgrunds bewegt. Doch ist „Civil War“ eine futuristische Fiktion oder eine düstere Vorahnung dessen, was uns bevorstehen könnte?


Darum geht es:


Washington D.C., einst das Herz der US-amerikanischen Demokratie, ist nun ein Schlachtfeld, auf dem der Präsident in einer verfassungswidrigen dritten Amtszeit die Macht umklammert, während das US-Militär verzweifelt gegen die aufständischen Streitkräfte von Texas und Kalifornien ankämpft. Luftangriffe zerschmettern am Himmel über der Western Federation, doch die texanischen und kalifornischen Einheiten marschieren unbeirrt weiter Richtung Hauptstadt. Ihr Ziel: Washington D.C., das sie am Unabhängigkeitstag einnehmen wollen. Inmitten des Chaos' und der Zerstörung versuchen die Kriegsfotografen Lee, Joel, Jessie und Sammy das Unfassbare zu dokumentieren.


Kritik zu „Civil War“: Journalismus im Kreuzfeuer
Bildnachweis: © A24 / DCM

Sie riskieren ihr Leben, um den Präsidenten für ein letztes Interview zu erreichen, bevor sie sich in die unerbittlichen Kriegswirren stürzen, um den Einmarsch in Washington D.C. und den Sturm auf das Weiße Haus festzuhalten. Doch während sie dem Rauschen der Bomben und dem Klirren der Gewehre trotzen, stellen sie sich eine Frage: Werden sie die Wahrheit über die dunklen Geheimnisse der Regierung enthüllen können, oder werden sie lediglich Teil der unaufhaltsamen Zerstörung sein?


Die Rezension:


In „Civil War“ entfaltet sich ein tiefgründiges narratives Gewebe, das sich nicht in oberflächlichen dystopischen Klischees verliert. Alex Garland entwirft hier kein simplifiziertes Bild von Gut und Böse, sondern erkundet vielmehr die strukturellen und philosophischen Dimensionen eines Bürgerkrieges in den modernen Vereingten Staaten. Entgegen möglicher Erwartungen dient der Film nicht als politische Allegorie oder direkte Parallele zu aktuellen Ereignissen, sondern präsentiert vielschichtige Betrachtungen über die Natur des Krieges und seine Auswirkungen auf die menschliche Gesellschaft.


Garland verzichtet bewusst darauf, eindeutige Schuldzuweisungen oder moralische Bewertungen vorzunehmen, und fokussiert stattdessen auf die Darstellung der Zerrüttung und Verrohung, die der Krieg mit sich bringt. Durch die bewusste Verschleierung der Ursprünge des Konflikts schafft der Regisseur eine Atmosphäre der Unsicherheit, die es dem Publikum ermöglicht, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. In diesem Ansatz liegt eine bemerkenswerte Unabhängigkeit von politischen Motiven.


Kritik zu „Civil War“: Journalismus im Kreuzfeuer
Bildnachweis: © A24 / DCM

Inmitten der verstörenden Szenen von Gewalt und Grausamkeit, die „Civil War“ seinen Zuschauern präsentiert, wirft der Film einen fesselnden Blick auf die Rolle der Medien im Konfliktgeschehen. Durch die Linse der Kamera erleben wir nicht nur die brutale Realität des Krieges, sondern auch die Ambivalenz und Verantwortung journalistischer Arbeit in solchen Situationen. Die Bilder, die Lee und Jessie einfangen, sind nicht nur Dokumentationen des Schreckens, sondern auch Instrumente, die die Richtung des Konflikts beeinflussen können. Garland stellt damit die Frage nach der ethischen Verantwortung von Medien in Kriegszeiten und macht deutlich, dass die Grenzen zwischen objektiver Berichterstattung und direkter Parteinahme oft verschwimmen.


Durch die Verwicklung von Lee in die Ereignisse des Bürgerkriegs wird deutlich, wie sehr die traditionellen Rollen von Soldaten und Journalisten im modernen Konflikt verschwimmen. Der Film zeigt auf eindringliche Weise, wie die unmittelbare Nähe zur Gewalt nicht nur das Schicksal derjenigen beeinflusst, die über den Konflikt berichten, sondern auch ihre eigene Wahrnehmung und Rolle in diesem Geschehen verändert. In diesem Spannungsfeld zwischen Berichterstattung und Teilnahme entfaltet „Civil War“ eine eindringliche Studie über die Komplexität und Ambivalenz des Kriegsjournalismus.


Kritik zu „Civil War“: Journalismus im Kreuzfeuer
Bildnachweis: © A24 / DCM

„Civil War“ stellt dabei eine düstere Vision einer Welt dar, in der auch die scheinbar unantastbaren westlichen Demokratien nicht vor dem Einbruch von Gewalt und Zerstörung geschützt sind. Alex Garland zeigt eindringlich, wie die Verrohung von Soldaten, die Radikalisierung von Politikern und der zunehmende Hass auf unschuldige Bürger zu einer Spirale der Eskalation führen können.


Die bedrückende Atmosphäre des Films ist von Anfang an spürbar, verstärkt durch die nüchterne Darstellung von Kriegsschauplätzen und die unmittelbare Nähe der Journalisten zu den kämpfenden Einheiten. Die fehlende Filmmusik während der beängstigenden Szenen verstärkt die beklemmende Wirkung und unterstreicht die unmittelbare Realität des Gezeigten. Dagegen setzt Garland in gewissen Momenten gezielt musikalische Kontraste ein, wie den Song „Say No Go“ von De La Soul, der während einer Montage von Kampfhandlungen erklingt.


Kritik zu „Civil War“: Journalismus im Kreuzfeuer
Bildnachweis: © A24 / DCM

In „Civil War“ werden die Charaktere Lee, Joel, Jessie und Sammy als facettenreiche Individuen dargestellt, die trotz ihrer Professionalität und Abgebrühtheit mit ihrer menschlichen Seite hervortreten. Diese Menschlichkeit macht sie zu greifbaren Figuren, deren Ängste und Herausforderungen den Zuschauer auf ihrem Weg durch die Wirren des Bürgerkriegs begleiten. Der Film wirft dabei auch ein Licht auf den Berufsstand der Kriegsberichterstatter, der ständig mit dem Verlust von Menschenleben konfrontiert ist. Es ist ein Beruf, der seine Ausübenden immer wieder an ihre Grenzen bringt und sie mit den Grausamkeiten des Krieges konfrontiert.


Alex Garland findet inmitten der Gewalt und Zerstörung auch Momente der Schönheit, sei es in idyllischen Naturszenen oder in einer kleinen Stadt, die sich scheinbar der brutalen Realität entziehn kann und will. Die starke Besetzung trägt maßgeblich zur Intensität des Films bei, insbesondere Kirsten Dunst brilliert in ihrer vielschichtigen Darstellung einer Journalistin, die trotz äußerlicher Härte eine tiefe Melancholie und Desillusionierung verbirgt. Ihre Performance, ebenso wie die Wandlung von Cailee Spaenys Jessie, verleiht dem Film eine emotionale Tiefe, während Wagner Moura als Joel und Stephen McKinley Henderson ebenfalls überzeugend in ihren Rollen agieren.


Wagner Moura als Joel:

Kritik zu „Civil War“: Journalismus im Kreuzfeuer
Bildnachweis: © A24 / DCM

In den Charakteren von „Civil War“ spiegeln sich unterschiedliche Bewältigungsstrategien im Angesicht des Grauens wider: Während Kirsten Dunsts Figur sich hinter einem emotionalen Schutzschild verbirgt und Joel zu Alkohol greift, zeigt Jessie eine nachvollziehbare Entwicklung durch die Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert wird. Insgesamt setzt Alex Garland nur sehr bedächtig auf Action und Gewalt, wodurch der Fokus auf die beklemmende Realität des Konflikts gerichtet wird, auf den Road-Trip durch die USA im titelgebenden Bürgerkieg.


Die Szenen zerbombter Häuser und Heimatloser erinnern dabei unweigerlich an Bilder aus echten Kriegsgebieten, wodurch die Dringlichkeit und Authentizität der gezeigten Ereignisse verstärkt werden. Interessant ist dabei der Kontrast zwischen den Reaktionen der Fotografen und den Schrecken, denen sie begegnen. Während Joel den Nervenkitzel des Einsatzes genießt, hält Lee emotionslos mit ihrer Kamera auf das Leid der Menschen drauf.


Kirsten Dunst als Lee:

Kritik zu „Civil War“: Journalismus im Kreuzfeuer
Bildnachweis: © A24 / DCM

„Civil War“ vermeidet hier jedoch stets den moralischen Zeigefinger zu erheben und bietet stattdessen einen eindringlichen Einblick in die Perspektive der Bevölkerung während eines modernen Bürgerkriegs in den USA, wobei der Roadtrip der Fotografen stets neue Blickwinkel eröffnet. Die mitreißend inszenierte Action von „Civil War“ wird durch ein exzellentes Sounddesign verstärkt, das den Zuschauer unmittelbar in das Geschehen eintauchen lässt. Insbesondere die nächtlichen Szenen, in denen der Horizont von Artilleriefeuer erleuchtet wird und Schüsse und Detonationen zu hören sind, erzeugen eine eindringliche Atmosphäre des Schreckens und der Beklemmung.


Vor allem zielt „Civil War“ auch gar nicht darauf ab, Lösungen anzubieten oder Partei zu ergreifen, sondern vielmehr den demokratischen Gesellschaften einen Spiegel vorzuhalten. Regisseur Garland führt uns vor Augen, wohin uns die Unfähigkeit zum konstruktiven Dialog und zur Einigung führen kann. Trotz der harten Realität, die der Film zeigt, vermeidet Garland eingefahrene Hollywood-Klischees geschickt und bietet stattdessen ein eindringliches und nachdenklich stimmendes Werk, das die moralischen Aspekte von Gewalt und Tod in solchen Situationen aufwirft und den Zuschauer zum Nachdenken anregt.


Alex Garland am Set von „Civil War“:

Kritik zu „Civil War“: Journalismus im Kreuzfeuer
Bildnachweis: © A24 / DCM

Die Frage, ob die Inszenierung insgesamt zu distanziert ist, wird vermutlich von vielen Zuschauern unterschiedlich wahrgenommen. Ebenso variabel dürfte die Offenheit für eine solche Geschichte sein, denn „Civil War“ erweist sich nicht als besonders leicht zugänglicher Film. Er zeichnet sich zwar an einigen Stellen durch kreative Ansätze aus, insgesamt jedoch präsentiert er sich eher klassisch und fast dokumentarisch. Diese unaufdringliche Erzählweise verstärkt den Fokus auf den Inhalt, könnte jedoch gleichzeitig für einige Zuschauer den Zugang erschweren.


Fazit:


„Civil War“ ist weit entfernt von einem simplen Ego-Shooter, in dem Brutalität zum Selbstzweck wird. Vielmehr wirft der Film wichtige Fragen auf, etwa die moralische Verantwortung von Fotografen in Krisengebieten oder den Umgang mit dem menschlichen Leid in solchen Situationen. Durch seine spannende Inszenierung und die tiefgründigen Reflexionen regt „Civil War“ nicht nur zum Mitfiebern an, sondern auch zum Nachdenken über die Komplexität und die moralischen Dilemma des modernen Krieges.


7 von 10 Punkten


>>> STARTTERMIN: Ab dem 18. April 2024 im Kino.


Weitere Informationen zu „Civil War“:

Genre: Drama, Action, Thriller

Produktionsjahr: 2022

Laufzeit: 109 Minuten

Altersfreigabe: FSK 16


Regie: Alex Garland

Drehbuch: Alex Garland

Besetzung: Kirsten Dunst, Wagner Moura, Cailee Spaeny und viele mehr ...


Trailer zu „Civil War“:



Comments


bottom of page