Kritik zu „Schwesterherz“: Zwischen Loyalität und Moral
- Toni Schindele

- vor 2 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Ein vertrauter Mensch, ein plötzlicher Zweifel – und eine Gewissheit, die alles ins Wanken bringt. „Schwesterherz“ erzählt von Loyalität, Wahrnehmung und der Frage, wie gut wir diejenigen kennen, die uns am nächsten stehen.

Schon vor Kinostart hat „Schwesterherz“ viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen und war unter anderem bei den First Steps Awards 2025 in mehreren Kategorien nominiert – darunter als Bester abendfüllender Spielfilm, für den Drehbuchpreis sowie für den Michael-Ballhaus-Preis. Weitere Nominierungen folgten beim Fünf Seen Filmfestival, beim Internationalen Filmfest Emden-Norderney und in der Sektion Zabaltegi-Tabakalera des San Sebastián International Film Festival, wo Fischer zudem den WIP Europa Industry Award erhielt. Darüber hinaus wurde der Film mit dem Creative Energy Filmpreis ausgezeichnet. Mehr als zehn Monate nach seiner Weltpremiere in der Panorama-Sektion der 75. Berlinale startet Sarah Miro Fischers Film nun regulär in ganz Deutschland – doch lohnt sich der Kinobesuch?
Darum geht es:
Nach einer Trennung zieht Rose vorübergehend zu ihrem Bruder Sam. Zwischen gemeinsamen Routinen, Freunden und geschwisterlicher Nähe scheint alles wie früher – bis eine schwerwiegende Anschuldigung alles ins Wanken bringt. Sam wird der Vergewaltigung beschuldigt. Einerseits hält Rose an dem Vertrauen fest, das sie ihrem Bruder gegenüber empfindet. Zugleich wächst jedoch das Misstrauen. Kann man jemanden lieben und zugleich an ihm zweifeln – und was bedeutet Verantwortung, wenn die Loyalität zur Familie und der moralische Kompass unvereinbar scheinen?
Die Rezension:
„Schwesterherz“ ist ein Film, der seine Brisanz weniger aus dem aufgegriffenen Thema selbst als aus dem entschiedenen Perspektivwechsel entfaltet, mit dem er erzählt wird. Denn Regisseurin und Drehbuchautorin Sarah Miro Fischer – für die der Film zugleich Spielfilmdebüt und Abschlussprojekt an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin ist – lenkt den Blick nicht auf die gängigen Narrative von Schuld, Trauma oder polizeilicher Aufklärung, sondern auf einen bislang wenig beleuchteten Bereich: den inneren Ausnahmezustand der Angehörigen eines mutmaßlichen Täters. Indem Fischer die Ereignisse konsequent aus der Perspektive der Schwester des Beschuldigten erzählt, entsteht ein Film, der weniger über juristische Wahrheiten als über emotionale und ethische Ambivalenzen verhandelt. „Schwesterherz“ verweigert sich dabei konsequent dem reflexhaften Impuls, Täter als abstrakte Monster zu zeichnen. Stattdessen rückt Fischer die unangenehme Realität ins Bild, dass sexualisierte Gewalt in den meisten Fällen aus dem vertrauten Umfeld heraus geschieht.

Denn Gewalt gegen Frauen spielt sich in vielen Fällen nicht im dunklen Park ab, sondern in den vermeintlich sicheren eigenen vier Wänden – also genau dort, wo Schutz und Vertrautheit erwartet werden. Und oft sind die Täter Kollegen, Partner und vor allem Ex-Freunde, wie Statistiken seit Jahren belegen. Indem Fischer diese Erkenntnis ins Zentrum stellt, konfrontiert sie ihr Publikum mit der unbequemen Frage, wie sehr das eigene Urteilsvermögen von Emotionen geprägt ist. Die Zahl der angezeigten Sexualdelikte steigt seit Jahren, während nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Verfahren in Verurteilungen mündet. Nicht selten scheitern Fälle an Beweisschwierigkeiten, Aussage-gegen-Aussage-Konstellationen oder hohen Beweismaßstäben. Damit wird unsere Protagonistin zur Projektionsfläche für ein Publikum, das sich unausweichlich mit der Frage konfrontiert sieht: Wie lässt sich familiäre Bindung mit dem Anspruch auf Gerechtigkeit vereinbaren – und ab welchem Punkt kippt Loyalität in falsche Parteinahme? Wie verändert sich das eigene Weltbild, wenn der Mensch, den man liebt, der Mensch, dem man vertraut, plötzlich im Zentrum einer so schwerwiegenden Anschuldigung steht?
Um sich diesen Fragen zu nähern, verfolgt der Film ein konsequent subjektives Konzept. Alles ist gefiltert durch Roses Wahrnehmung. Das erzeugt emotionale Glaubwürdigkeit, führt aber auch zu blinden Flecken. Nebenfiguren bleiben oft bloße Stichwortgeber, erscheinen eher skizzenhaft denn als eigenständige Charaktere. Beziehungen, die potenziell interessante Konfliktlinien eröffnen könnten – etwa zu Mutter, Freundinnen, der ehemaligen Partnerin oder gar dem Opfer – werden nur angerissen. Gerade bei seinen Nebenfiguren verschenkt der Film ein Stück jener Tiefe, die die aufgeworfenen Fragestellungen noch vielschichtiger hätten einbetten können. Vor allem aber irritiert das zentrale Geschwisterverhältnis. Sind Rose und Sam anfangs besonders innig miteinander und beinahe symbiotisch verbunden, lässt der innere Prozess, der Rose von vorbehaltloser Loyalität hin zu moralischer Distanzierung führt, die erzählerische Zeit vermissen, die nötig wäre, um diese Entwicklung nachvollziehbar und organisch zu entfalten.

So dient die Frage, wie schwer es ist, sich einer Wahrheit zu stellen, die das eigene Selbstbild zerstören könnte, letztlich nur noch dem finalen Twist – der zwar fraglos zum Nachdenken anregt und über den Abspann hinaus beschäftigt, dramaturgisch jedoch zum Ende hin spürbar holprig und forciert wirkt. Gelungen ist „Schwesterherz“ dagegen immer dann, wenn er zeigt, wie subtil und alltäglich Mechanismen der Verdrängung funktionieren: ein Satz, der nicht zu Ende gedacht wird, ein Thema, das nicht erwähnt wird, eine Frage, die zu spät gestellt wird. So entfaltet sich ein differenziertes Bild darüber, wie stark private Bindungen juristische und moralische Bewertungen beeinflussen. Spannend wäre in jedem Fall gewesen, wenn das Drehbuch gegen Ende auch die Subtilität und Alltagsnähe behalten hätte, die Fischer zuvor beeindruckend in einer stilistisch dem Dokumentarfilm nahekommenden Bildsprache aufgebaut hatte. Durch die unaufgeregte, nah an den Gesichtern geführte Kamera von Selma von Polheim Gravesen entsteht ein Gefühl von Unmittelbarkeit, das sich mitunter bis zur Immersion in die gezeigten Situationen steigert.
Häufig entsteht so der Eindruck, einer Momentaufnahme beizuwohnen. Neben der auffällig zurückgenommenen Bildsprache sticht der Film jedoch in erster Linie auf der akustischen Ebene hervor, denn „Schwesterherz“ richtet den Blick bewusst auf das, was sich jenseits des Sichtbaren abspielt. Immer wieder sind es scheinbar beiläufige Geräusche – etwa das nächtliche Tropfen des Wasserhahns, das Roses Schlaf stört und sie zugleich von dem ablenkt, was ihr Bruder Sam zeitlich im Raum nebenan tun könnte –, die das Gefühl latenter Unsicherheit nähren. Unterstützt wird diese Stimmung durch die zurückhaltende, aber immer wieder Akzente setzende musikalische Untermalung von Francesco Olmo Lo Giudice, die die fragile Ambivalenz des Geschehens fein austariert. Die emotionale Hauptarbeit trägt jedoch Marie Bloching als Protagonistin Rose. Ihre Darstellung bleibt jederzeit kontrolliert, vermeidet Pathos und verleiht der Figur eine stille Intensität, die den Film trägt – insbesondere, weil die Inszenierung den Fokus des Films fast vollständig auf ihre Präsenz legt.

Dabei ist Marie Blochings Spiel deutlich auf Nuancen, kleine Regungen im Gesicht und minimalistische Gestik angelegt – zurückgenommen, detailgenau und sensibel für Zwischentöne. Sie verkörpert eine Frau, die sich selbst lange Zeit nicht zugesteht, was sie bereits ahnt, und deren Gesicht zum Austragungsort eines inneren Konflikts wird. Blochings Präsenz erlaubt es der Inszenierung, immer wieder auf große Gesten zu verzichten und stattdessen leise Verschiebungen sichtbar zu machen. Dabei ist Rose zu keinem Zeitpunkt makellose Heldin oder moralische Instanz, sondern schlicht eine junge Frau, mit der man sich schnell und leicht identifizieren kann, die sich mit einer Frage auseinandersetzen muss, auf die sie zunächst nur eine einzige Antwort geben will – und schließlich merkt, dass das scheinbar Unmögliche doch nicht so abwegig ist, wie es auf den ersten Blick erscheint.
Fazit:
Trotz erzählerischer Schwächen im Finale und blassen Nebenfiguren zeigt Sarah Miro Fischers Spielfilmdebüt „Schwesterherz“ eindringlich, wie Loyalität und Moral verschwimmen, wenn der Verdacht sexualisierter Gewalt in die eigene Familie dringt – unaufgeregt wie lebensnah inszeniert und getragen vom nuancierten Spiel von Marie Bloching.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 08. Januar 2026 im Kino.
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Weitere Informationen zu „Schwesterherz“:
Genre: Drama
Laufzeit: 96 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12
Regie: Sarah Miro Fischer
Drehbuch: Sarah Miro Fischer und Agnes Maagaard
Besetzung: Marie Bloching, Anton Weil, Proschat Madani und viele mehr ...
Trailer zu „Schwesterherz“:





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