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Kritik zu „Die Progressiven Nostalgiker“: Waschmaschine mit Zeitsprung

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • vor 7 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit

Ein Kurzschluss in einer Waschmaschine setzt in Vinciane Millereaus Langspielfilmdebüt „Die Progressiven Nostalgiker“ mehr in Bewegung als nur eine Zeitreise rund 70 Jahre in die Zukunft oder, besser gesagt, in unsere Gegenwart.


Plakat von „Die Progressiven Nostalgiker“: Ein Ehepaar im Stil der 1950er-Jahre steht vor farbigem Hintergrund, der Mann serviert der Frau Kaffee.
Bildnachweis: © Neue Visionen Filmverleih

Die französische Filmemacherin Vinciane Millereau war lange vor allem vor der Kamera präsent. Als Schauspielerin wirkte sie in zahlreichen Kino- und Fernsehproduktionen mit, die sich jedoch vor allem in Frankreich einer Bekanntheit erfreuen. Zuletzt erhielt sie internationale Aufmerksamkeit unter anderem in „Benedetta“ von Paul Verhoeven sowie als Dr. Sarah Diab in der Miniserie „The Plague“. Parallel dazu arbeitete sie regelmäßig am Theater, als Synchronsprecherin für Dokumentationen und Werbespots und war zwischen 2002 und 2005 als Off-Stimme für France 5 zu hören. Mit dem Kurzfilm „Barbie Girls“ wechselte Millereau erstmals auf den Regiestuhl, ihr Langfilmdebüt legt sie nun mit „Die Progressiven Nostalgiker“ vor. Der Film feierte am 30. August 2025 beim Festival du film francophone d’Angoulême als Abschlussfilm Premiere, startete am 8. Oktober 2025 in den französischen Kinos und nun folgt mit etwas Abstand dem deutschen Kinostart.


Darum geht es:


Hélène und Michel Dupuis führen im Jahr 1958 ein bürgerlich geordnetes Leben mit klaren Rollen – bis ein Stromschlag an der neuen Waschmaschine alles ändert. Plötzlich finden sie sich im Jahr 2025 wieder: Hélène ist Bankdirektorin, Michel plötzlich Hausmann und die Tochter liebt in eine Frau. Während Hélène aufblüht und die Freiheiten der Gegenwart genießt, fühlt sich Michel zunehmend überfordert. Finden die beiden in dieser schrägen neuen Welt wieder zueinander – oder bleibt ihnen nur der Rückweg in die Vergangenheit?


Die Rezension:


Kaum ein Gedankenspiel wurde auf der großen Leinwand so oft durchgespielt wie die Möglichkeit der Zeitreise: Wer hat sich nicht schon gefragt, was gewesen wäre, wenn man an einem bestimmten Punkt anders entschieden hätte, wenn sich ein Fehler ungeschehen machen ließe oder ein verpasster Moment noch einmal erreichbar wäre? Seit vielen Jahrzehnten ist die Zeitreise daher ein erzählerischer Türöffner, der sofort Neugier erzeugt und dem Publikum ein Versprechen macht: dass die bekannten Regeln von Ursache und Wirkung für einen Moment außer Kraft gesetzt werden dürfen. Vom umgebauten Auto über futuristische Kapseln bis hin zu komplexen wissenschaftlichen Anlagen – über die Möglichkeiten, wie man sich in der Zeit transferieren kann, dafür gab es in der Filmgeschichte mehrere Ansätze, aber Auslöser war dabei noch nie ein Kurzschluss an einer Waschmaschine. Was recht unspektakulär im Vergleich zu vielen anderen Genrevertretern klingen mag, ist dabei aber bereits Vorbote einer Komödie, die sowohl das Zeitreise-Motiv unterhaltsam ausreizt als auch einige gesellschaftliche Umbrüche ins Visier nimmt.


Szenenbild aus „Die Progressiven Nostalgiker“: Hélène und Michel stehen im Freien neben einem Auto der 1950er-Jahre, sie richtet ihm den Kragen – Moment ehelicher Nähe vor der Zeitreise.
Bildnachweis: © Neue Visionen Filmverleih

Denn die Waschmaschine ist in gewisser Weise der Kern des Films, der Fortschritt, Emanzipation und Machtverhältnisse in einem einzigen Bild zusammenführt. Sie steht für einen technischen Fortschritt, der Frauen erstmals spürbare Freiräume verschaffte, indem er unbezahlte Hausarbeit drastisch reduzierte. Daher entzündet sich der alles in Bewegung setzende Konflikt zwischen Hélène und Michel auch genau an diesem Punkt: Während sie das Gerät als Versprechen von Selbstbestimmung begreift, bewertet er seinen Nutzen ausschließlich danach, wem es dient – und erkennt darin keinen Mehrwert für sich oder die Familie als Ganzes. Denn er selbst musste als Mann jener Zeit schließlich nicht Stunden damit verbringen, die Wäsche im damals noch umständlichen Verfahren wieder sauber zu bekommen. Hélène weiß dagegen sehr gut, was es bedeutet, wenn jedes Kleidungsstück mühsam per Hand auf dem Waschbrett geschrubbt werden muss, oft stundenlang, mit kaltem oder mühsam erhitztem Wasser, begleitet von schmerzenden Armen und aufgerauten Händen.


Der Prozess erforderte vom Einweichen über das Reiben bis zum Auswringen mehr Kraft, Ausdauer und Zeit, als man meinen dürfte, da verwundert es wenig, dass eine Waschmaschine, die dieselbe Arbeit automatisiert, leise, in kurzer Zeit und ohne körperliche Belastung erledigt, verlockend für sie ist. So ist die Waschmaschine gewissermaßen ein Symbol für die Erleichterung des sich oftmals unterschätzten Arbeitsalltags der Hausfrau in den 1950er-Jahren und somit der ideale Auftakt für die nachfolgende Zeitreise. Einmal 67 Jahre in die Zukunft gereist, entfaltet der Film mit sichtbarer Lust sein komödiantisches Repertoire. Das einfallsreiche Drehbuch entfaltet eine bemerkenswerte Dichte an Pointen und Situationskomik, die zugleich leicht zugänglich und präzise gesetzt ist. Der Zusammenprall mit der Gegenwart wird so zu einer durchgehend vergnüglichen Erfahrung. Die Dialoge sind lebendig und präzise formuliert, der Unterhaltungswert entsprechend hoch.


Szene aus „Die Progressiven Nostalgiker“: Michel hält irritiert ein Smartphone in der Hand und betrachtet es mit Skepsis.
Bildnachweis: © Neue Visionen Filmverleih

Gemeinsam mit Michel und Hélène darf man sich in der ersten Filmhälfte genüsslich über die Errungenschaften des modernen Alltags wundern – und erschrecken. Besonders reizvoll ist dabei zu erleben, wie selbstverständlich gewordene technische Errungenschaften für die beiden Figuren aus dem Jahr 1958 vollkommen unvorstellbar sind. Schon ein schlichtes Handygespräch oder der Anblick eines Kühlschranks genügt, um überraschend komische Situationen hervorzubringen. Gerade darin liegt eine Stärke des Films, der sich Zeit nimmt, seine Figuren im neuen Umfeld orientierungslos taumeln zu lassen. Doch während das Staunen über Sprachassistenten, Saugroboter oder automatisierte Kaffeemaschinen als Einstieg in die Gegenwart dient, verschiebt sich der Fokus zunehmend auf jene Bereiche, in denen technischer Fortschritt mit gesellschaftlicher Neuverortung von Rollenbildern einhergeht. Während Michel als Profiteur eines patriarchal strukturierten Systems in der Gegenwart vor allem Verlusterfahrungen macht, erfährt Hélène erstmals ökonomische und persönliche Autonomie.


War Hélène in den 1950er-Jahren in ein enges Korsett aus Abhängigkeit, Haushaltspflicht und rechtlicher Unmündigkeit gezwängt, entdeckt sie die Gegenwart als Raum realer Handlungsoptionen. Weniger subtil, dafür mit hohem Unterhaltungswert, legt „Die Progressiven Nostalgiker“ offen, wie sehr gesellschaftliche Normen nicht naturgegeben, sondern historisch bedingt sind und wie schmerzhaft deren Veränderung für jene sein kann, die von ihnen profitiert haben. Die Inszenierung bleibt bewusst leichtfüßig, selbst dort, wo sie komplexe Themen wie Emanzipation, Gleichstellung oder den Wandel familiärer Strukturen verhandelt. Auffällig ist dabei, dass weder Vergangenheit noch Gegenwart eindeutig gutgeheißen noch verurteilt werden. So erkennt der Film Fortschritte – etwa in Medizin, Recht oder sozialer Teilhabe – ebenso an wie Verluste, die mit Beschleunigung, Individualisierung und sozialer Entfremdung einhergehen. „Die Progressiven Nostalgiker“ zeigt dabei, dass gesellschaftlicher Fortschritt weder linear noch abgeschlossen ist, und vermeidet es, die Gegenwart als utopischen Endzustand auszustellen. Gerade weil Vinciane Millereau sich einen versöhnlichen Ton erlaubt, ohne die Konflikte zu negieren, bleibt der Film dabei durchweg anschlussfähig.


Szenenbild aus „Die Progressiven Nostalgiker“: Hélène sitzt im Büro am Schreibtisch vor einem Computer und agiert selbstbewusst in leitender Position.
Bildnachweis: © Neue Visionen Filmverleih

Politik und Religion bleiben dafür weitgehend ausgeklammert, lediglich historische Eckpunkte wie die Einführung der Fünften Republik werden angerissen. Für Michel, der mit kolonialem Selbstverständnis sozialisiert wurde, bedeutet diese Entwicklung einen weiteren Identitätsbruch – ebenso wie die Konfrontation mit Homosexualität innerhalb der eigenen Familie. Der Film behandelt dieses Thema bewusst als Selbstverständlichkeit der Gegenwart, ohne die bestehenden gesellschaftlichen Konflikte zu leugnen. Getragen wird der Film dabei wesentlich von seinen beiden spielfreudigen Hauptdarstellern, die mit viel Elan erst viel der unterhaltsamen Situationskomik ermöglichen. Elsa Zylberstein verleiht Hélène eine angenehme Ambivalenz, die zwischen Anpassung und innerer Rebellion schwankt und ihre Entwicklung dadurch glaubwürdig macht, ohne sie zur reinen Projektionsfläche gegenwärtiger Ideale zu stilisieren. Didier Bourdon verleiht Michel hingegen eine einnehmende Mischung aus Sturheit, Verletzbarkeit und allmählicher Lernfähigkeit.


In dem für ihn Status, Autorität und gesellschaftliche Selbstgewissheit ins Wanken geraten, wenn Erwerbsarbeit, Rollenverteilung und familiäre Hierarchien neu sortiert sind, spielt Bourdon hinreißend einen Mann, der sich in der Zukunft beziehungsweise unserer Gegenwart, in der er nicht mehr Chef der Kreditbank ist, sondern die Haushaltsarbeit im Eigenheim übernimmt, erstmals seiner früher deutlich ausgeprägteren patriarchalen Vorzüge gewahr wird. Genauso konsequent wie der Film den Gegensatz der Epochen in seinen Dialogen ausstellt, spiegelt sich dieser Kontrast auch in der Bildsprache wider. Die 1950er-Jahre erscheinen in langen Einstellungen, ruhigen Kamerabewegungen und einer bonbonfarbenen Bildwelt. Mit dem Sprung ins Jahr 2025 ändert sich dieser visuelle Rhythmus deutlich: Die Montage wird schneller, die Schnitte häufiger, und die allgegenwärtige Beschleunigung der Gegenwart übersetzt sich spürbar ins Bild. Besonders auffällig ist dabei auch der Wandel in der Bildkomposition. Während Hélène und Michel 1958 häufig gemeinsam im Bildraum verankert sind und als visuelle Einheit erscheinen, löst sich diese Geschlossenheit in der Gegenwart zunehmend auf – ein subtiler, aber wirkungsvoller Kommentar auf veränderte Lebensrealitäten und Beziehungsdynamiken.


Filmszene aus „Die Progressiven Nostalgiker“: Zwei Polizeibeamte sitzen einem Paar an einem Küchentisch gegenüber und führen ein Gespräch.
Bildnachweis: © Neue Visionen Filmverleih

Die detailverliebten Kostüme, das liebevoll ausgestattete Szenenbild und das Maskenbild tun schließlich ihr übriges, um beide Epochen zum Leben zu erwecken. Als Komödie folgt der Film schließlich einem weitgehend vorhersehbaren dramaturgischen Verlauf, der in seiner Entwicklung wenig Überraschungen bereithält. Der Wandel der Figuren ist früh absehbar, die Konfliktlinien klar gezogen. Dennoch gelingt es der Inszenierung, diese Berechenbarkeit durch situativen Humor und pointierte Beobachtungen abzufedern. Die zahlreichen intertextuellen Anspielungen auf bekannte Zeitreiseerzählungen – von „Zurück in die Zukunft“ über „Die Chroniken von Narnia“ bis zu „Die Besucher“ – funktionieren weniger als narrative Abkürzungen denn als selbstreflexive Kommentare, die das Genre bewusst zitieren, ohne es zu kopieren. Diese Metaebene bleibt spielerisch, und so wie der Film seine Klischees nicht nur reproduziert, sondern sie auch unterläuft, zeigt der Film auch immer wieder, dass „Die Progressiven Nostalgiker“ seine Genrezitate kennt, ohne sich ihnen zu unterwerfen.


Fazit:


„Die Progressiven Nostalgiker“ entfaltet sein Zeitreise-Motiv als pointensichere und hervorragend gespielte Komödie, die im Kontrast zweier ungleicher Epochen leichtfüßig, ohne aber flach zu werden, patriarchale Strukturen aufs Korn nimmt und auf charmante Weise den gesellschaftlichen Wandel beleuchtet.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 22. Januar 2026 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Die Progressiven Nostalgiker“:

Genre: Komödie

Laufzeit: 103 Minuten

Altersfreigabe: FSK 6


Regie: Vinciane Millereau

Drehbuch: Vinciane Millereau und Julien Lambroschini

Besetzung: Elsa Zylberstein, Didier Bourdon, Mathilde Le Borgne und viele mehr ...


Trailer zu „Die Progressiven Nostalgiker“:


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