Kritik zu „Die jüngste Tochter“: Im Schatten der Erwartungen
- Toni Schindele

- 25. Dez. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen
Zwischen Herkunft, Glauben und der Suche nach einem eigenen Platz erzählt Hafsia Herzis neuer Film „Die jüngste Tochter“ von einer jungen Frau, die beginnen muss, ihre innere Stimme ernst zu nehmen.

Als Produzentin Vanessa Ciszewski im Dezember 2021 den Roman „Die jüngste Tochter“ von Fatima Daas las, war ihr sofort klar, dass diese Geschichte filmisches Potenzial besitzt. Über einen Instagram-Post nahm sie mit der französische Produzentin Julie Billy Kontakt auf – beide hatten Jahre zuvor bereits zusammengearbeitet. Kurz darauf stand fest: Der Roman sollte als französisch-deutsche Koproduktion verfilmt werden. Die Frage nach der passenden Regie fiel auf Hafsia Herzi, die selbst nordafrikanische Wurzeln hat und in Frankreich als Filmemacherin etabliert ist. Auch Autorin Fatima Daas stimmte der Zusammenarbeit früh zu. Für Herzi war es die erste Adaption eines literarischen Stoffes.
Sie betonte, dass sie weniger nach vielen Dialogen suchte als nach einem Ton, einer inneren Stimme und einer körperlichen Präsenz der Figur. Der Weg vom Buch zum Film war dabei aber alles andere als geradlinig: Paris bereitete sich bereits auf die Olympischen Sommerspiele vor, die Ende Juli 2024 begannen, sodass die Dreharbeiten zwingend vor dem Großereignis abgeschlossen sein mussten. Gleichzeitig war die Finanzierung zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig gesichert. Am Ende hat es jedoch geklappt und „Die jüngste Tochter“ startet nun nach seiner Weltpremiere bei den Internationalen Filmfestspiele von Cannes im Mai 2025 auch ganz regulär in den deutschen Kinos.
Darum geht es:
Fatima ist 17, liebt Fußball und wächst als jüngste Tochter in einer algerischen Einwandererfamilie in einem Pariser Banlieue auf. Zwischen familiären Erwartungen, religiösen Prägungen und der Suche nach sich selbst beginnt sie, ihre eigene Stimme zu finden. Als sie zum Studium nach Paris zieht, eröffnet sich ihr eine neue Welt: Doch je mehr sie sich von alten Strukturen löst, desto drängender wird die Frage: Wo liegt ihr Platz in einer Welt, die für sie keine einfache Antwort bereithält?
Die Rezension:
„Die jüngste Tochter“ lässt sich vordergründig in eine altbekannte Kategorie einordnen – Coming-of-Age-Geschichten über junge Menschen, die ihre Identität suchen. Filme dieser Art prägen seit Jahrzehnten die Filmgeschichte. Doch Hafsia Herzis Adaption des autofiktionalen Romans von Fatima Daas wählt eine erzählerische Perspektive, die sich bewusst gegen stereotype Konfliktmechaniken stemmt. Statt die hier queere Selbstfindung ihrer Protagonistin an äußeren Widerständen zu spiegeln, konzentriert sich der Film auf einen weitgehend nach innen verlagerten Prozess des Zweifelns, Tastens und vorsichtigen Anerkennens eigener Wünsche. Im Zentrum steht Fatima, die jüngste Tochter einer französisch-algerischen Arbeiterfamilie aus den Pariser Banlieues. Ihre Lebensrealität ist geprägt von religiöser Praxis, familiärer Nähe und klaren Erwartungshorizonten, doch der Film vermeidet es auffällig, diese Kontexte zu antagonisieren.

Fatimas Zweifel entstehen nicht aus offenem Verbot oder Sanktion, sondern aus einer inneren Dissonanz zwischen dem, was gesellschaftlich vorgesehen scheint, und dem, was sie empfindet.
Fatimas Beziehungen zu Männern bleiben emotional leer, nicht weil sie erzwungen wären, sondern weil sie ihr innerlich nichts eröffnen. Die Annäherung an Frauen erfolgt entsprechend vorsichtig, fragmentarisch und oft von Unsicherheit begleitet. Der Film beschreibt diesen Prozess nicht als lineare Entwicklung, sondern als Abfolge tastender Annäherungen, Rückzüge und erneuter Versuche, wodurch Selbstfindung als offener, keinesfalls abgeschlossener Zustand erfahrbar wird. Der Film strukturiert diese Selbstsuche in fünf Kapitel, die an Jahreszeiten und biografische Etappen gekoppelt sind – von der Schule über erste Studienerfahrungen bis hin zu Begegnungen, die das zarte, oftmals widersprüchliche innere Begehren sichtbar werden lassen.
Nadia Melliti, die ohne vorherige Schauspielerfahrung als Fatima besetzt wurde und in Cannes für ihre Darstellung ausgezeichnet wurde, trägt den Film nahezu allein. Ihre wortkarge, kontrollierte Spielweise gibt der Figur Fatima eine Mischung aus innerer Spannung und äußerer Ruhe, die die ambivalente Situation glaubhaft verdichtet: Da ist die Loyalität zu Familie und Religion, die selbstverständliche Verankerung in einer muslimischen Community, und gleichzeitig das leise, tastende Erspüren romantischer und erotischer Zuneigung zu Frauen. Die Inszenierung bleibt lange sehr dicht an Mellitis Gesicht, wodurch jeder Ausdruck zu einer interpretierbaren Spur innerer Zerrissenheit wird – ein künstlerischer Zugriff, der große Präzision entfaltet, aber auch fordernd ist, weil Entwicklungen im sonst durchaus direkten Drehbuch selten explizit ausgesprochen werden. Die Beziehung zu Ji-Na, gespielt von Ji-Min Park, bildet dabei einen emotionalen Gegenpol zu Fatimas Verschlossenheit.

Wo Fatima verschlossen bleibt, wirkt Ji-Na offen, verletzlich und zugleich von eigener Fragilität gezeichnet. Auch wenn Ji-Na wie alle weiteren Nebenfiguren in dieser Geschichte nur wenig Raum erhalten, da der Fokus zu jedem Zeitpunkt stark auf Fatima gerichtet ist, wirken sie doch auffällig ausgearbeitet, keine der Nebenfiguren erscheint nur wie ein Abziehbild klischeehafter Figurenanlagen. Ebenso ist die queere Dimension der Erzählung nicht problematisiert, sondern regelrecht entdramatisiert: Homosexualität erscheint nicht als Abweichung, die erklärt oder verteidigt werden müsste, sondern als Möglichkeit, die sich erst im Inneren der Protagonistin gegen lange eingeübte Erwartungshaltungen behaupten muss. Der Film interessiert sich weniger für die Frage, ob queere Liebe erlaubt ist, als dafür, wie es sich anfühlt, zu spüren, dass ein vorgezeichnetes Leben nicht mit dem eigenen Begehren übereinstimmt.
So löst sich „Die jüngste Tochter“ von gängigen Queer-Narrativen, die aus der Opposition zwischen konservativer Ordnung und emanzipatorischem Selbstentwurf Spannung gewinnen. Die Familie erscheint nicht als monolithischer Gegenspieler; vielmehr deutet der Film an, dass Nähe, Fürsorge und Nicht-Aussprache nebeneinander existieren können. Zugleich zeigt der Film, dass auch wohlwollende Umfelder innere Konflikte nicht auflösen: Das eigentliche Ringen vollzieht sich zwischen Selbstbild, Begehren und Glauben. Nicht jede Selbstfindung ist Rebellion, oft ist sie eine langsame Selbstklärung. Die Coming-of-Age-Struktur wird daher nicht aufgelöst, sondern umcodiert: Reifung bedeutet hier nicht Abkehr vom Herkunftsraum, sondern die mühsame Integration komplexer Selbstanteile. Schön ist daher auch, dass die Inszenierung auch bei der Sexualität nicht zum plakativen Voyeurismus greift und das Begehren weitgehend nicht das Ausstellen von Körpern, sondern vielmehr über Berührungen und Blicke zeigt. Fatimas Umfeld erscheint weder repressiv noch karikierend konservativ.

Selbst der junge Verehrer, der sich eine traditionelle gemeinsame Zukunft vorstellt, erscheint nicht als Gegenspieler, sondern als freundlich-zurückhaltender Mensch, der seine Überzeugungen zwar nicht hinterfragt, Fatima aber keine Gewalt antut. Der einzige Moment expliziter theologischer Verhärtung tritt in der Begegnung mit einem Imam zutage, dessen pseudohistorische Argumentation gegen Homosexualität exemplarisch für religiöse Dogmatik steht. Doch auch hier verweigert sich der Film einer verkürzten Schuldzuweisung: Die starre Ablehnung queerer Sexualität wird nicht als islamisches Spezifikum markiert, sondern als Ausdruck vormoderner Moralvorstellungen, die in nahezu allen großen Weltreligionen verankert sind. Indem der Film diesen Kontext öffnet, verschiebt er die Perspektive weg von kultureller Zuschreibung hin zu struktureller Aussage. Der Film evoziert zwar immer wieder die Erwartung, dass religiöse Zugehörigkeit zwangsläufig zu offener Ablehnung führen müsse, unterläuft diese Erwartung jedoch immer wieder und positioniert sich damit jenseits einfacher Polarisierungen.
Das queere Begehren wird nicht als gesellschaftlicher Skandal inszeniert, sondern als intimer Findungsprozess, der sich vor allem im Inneren der Hauptfigur abspielt. Dass der Film diese innere Spannung nicht vollständig auflöst, sondern in einer stillen Schlussszene mit der Mutter andeutet, dass Wissen, Akzeptanz und Liebe möglicherweise längst vorhanden sind, gehört zu den feinsten Momenten der Inszenierung. Diese Entscheidung, Ambivalenz stehen zu lassen und Entwicklung nicht durch pathetische Entladung zu besiegeln, ist dabei die größte Stärke des Films. Folgerichtig entscheidet sich Herzis Inszenierung für lange Beobachtungen, für eine Nähe zur Figur, die sowohl Intensität als auch Distanz erzeugt. Die Kamera konzentriert sich stark auf Mellitis Gesicht und Körperhaltung, sodass jede kleine Regung Bedeutung bekommt. Die Kamera bleibt häufig eng an der Protagonistin, registriert kleinste Verschiebungen in Haltung, Blick und Atmung.

Diese Fokussierung erzeugt eine hohe Intimität, die jedoch zugleich eine gewisse Distanz herstellt: Fatima bleibt nach außen weitgehend verschlossen, vieles bleibt Andeutung, Schweigen, Blickbewegung. Das ist erzählerisch konsequent, weil es ihren Zustand spiegelt – birgt aber zugleich die Gefahr, dass sich so mancher Zuschauender nur schwer annähern kann. Die Musik von Amine Bouhafa arbeitet mit sparsamen, Cello-dominierten Motiven, die die Zurückhaltung der Figur hervorheben und die innere Spannung eher unterstreichen, als sie zu entladen. Nur selten sticht Amine Bouhafas musikalische Untermalung hervor, doch dann stets stimmig. Gerade da der Film mitunter mit Montagen arbeitet, gelingt es durch den Soundtrack, elegante Bögen zu schlagen. Der Score legt sich im besten Sinne wie ein leiser Kommentar unter die Szenen.
Fazit:
„Die jüngste Tochter“ erzählt eine queere Selbstfindung fern plakativer Zuspitzung und richtet den Blick konsequent nach innen. Statt Konflikte zu externalisieren, beobachtet der Film detailgenau und mit großer Nähe zur Hauptfigur, wie sich Identität zwischen Familie, Glauben und Begehren formt. Getragen von Nadia Mellitis zurückgenommenem, hochkonzentriertem Spiel und einer behutsamen Inszenierung, entsteht ein eindringliches Porträt innerer Emanzipation, grandios für die große Leinwand kanalisiert.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 25. Dezember 2025 im Kino.
Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!
Weitere Informationen zu „Die jüngste Tochter“:
Genre: Drama
Laufzeit: 113 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12
Regie: Hafsia Herzi
Drehbuch: Hafsia Herzi
Besetzung: Nadia Melliti, Park Ji-min, Amina Ben Mohamed und viele mehr ...
Trailer zu „Die jüngste Tochter“:





Kommentare