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Kritik zu „Little Trouble Girls“: Vom Mädchenchor zur Selbstsuche

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • vor 5 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Nach seiner Berlinale-Weltpremiere kommt Sloweniens Oscar-Beitrag „Little Trouble Girls“ über die 16-jährige Lucija, die in einem katholischen Mädchenchor zwischen religiösem Umfeld, und Selbstfindung erwachsen wird, nun auch in die deutschen Kinos. Lohnt sich Urška Djukićs Langspielfilmdebüt?


Zwei Mädchen stehen sich im Wald sehr nah gegenüber und blicken sich intensiv an – intime Szene aus dem Film „Little Trouble Girls“.
Bildnachweis: © Grandfilm

„Little Trouble Girls“ gehört zu jenen Filmen, deren Ursprung weniger in einer klassischen Plot-Idee liegt als in einer präzisen Beobachtung. Für Urška Djukić war es der Besuch eines Konzerts eines slowenischen Mädchenchors, dessen Gesang sie nachhaltig berührte. Aus dieser Erfahrung heraus begann sie, Chöre genauer zu beobachten und ihre inneren Dynamiken zu erkunden. Zunehmend rückten dabei Fragen von Sexualität, Schuld und Scham in den Mittelpunkt – Themen, die Djukić auch aus der eigenen Kindheit kennt, geprägt von katholischen Vorstellungen eines vermeintlich braven Mädchens. Entstanden ist daraus der erste Langspielfilm von Urška Djukić, die sich zuvor bereits mit ihren Kurzfilmen einen Namen gemacht hatte. So wurde ihr letzter Kurzfilm „Babičino seksualno življenje“, auf Deutsch „Omas Sexleben“, mit über 50 Preisen ausgezeichnet.


Seine Weltpremiere feierte „Little Trouble Girls“ Anfang vergangenen Jahres im Rahmen der 75. Berlinale, wo er als Eröffnungsfilm der neu geschaffenen Debütsektion „Perspectives“ präsentiert und mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet wurde. Doch bereits vor der Uraufführung hatte die Produktion Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Im Dezember 2023 wurde „Little Trouble Girls“ beim Festival von Les Arcs mit dem mit 10.000 Euro dotierten TitraFilm Award als bestes sich in Arbeit befindendes Projekt geehrt. Zudem wurde der Film Ende 2025 als Sloweniens Beitrag für das Oscar-Rennen in der Kategorie „Bester internationaler Film“ ausgewählt. Zwar verpasste das Werk letztlich den Sprung unter die fünf nominierten Beiträge der 98. Academy Awards, dennoch kommt der Film damit mit beträchtlichen Vorschusslorbeeren in die Kinos.


Darum geht es:


Die 16-jährige Lucija tritt dem Mädchenchor ihrer katholischen Schule bei und freundet sich mit der selbstbewussten Ana Maria an – ein Mädchen, das all das verkörpert, was Lucija nicht ist: beliebt, forsch und frei. Während eines intensiven Probenwochenendes in einem abgelegenen Kloster gerät Lucijas Welt ins Wanken. Ein flüchtiger Blick aus dem Busfenster auf einen nackten Mann am Flussufer löst in Lucija ungeahnte Gefühle aus und bringt ihr bisheriges Selbstverständnis ins Rutschen. Zwischen Gesang, Glauben und wachsender Selbstwahrnehmung beginnt sie, ihre Werte, ihre Freundschaft und sich selbst neu zu hinterfragen.


Die Rezension:


Als klassische Coming-of-Age-Erzählung verortet sich „Little Trouble Girls“ klar innerhalb eines vertrauten Motivfeldes des europäischen Autorenkinos. Urška Djukić interessiert sich dabei jedoch weniger für das Ausleben von Begehren als für dessen erstes, irritierendes Auftauchen: für die Erkenntnis, dass Wünsche existieren, noch bevor sie benannt, geschweige denn erfüllt werden können. Entsprechend bleibt die Inszenierung konsequent auf das Wahrnehmen, Tasten und Beobachten der Protagonistin Lucija fokussiert. Ihre Perspektive ist strikt subjektiv angelegt, was sich nicht nur in der Erzählstruktur, sondern ebenso in der Inszenierung niederschlägt. Ihre tastenden Blicke richten sich dabei gleichermaßen auf weibliche wie männliche Körper, ohne dass der Film diese Wahrnehmungen zuspitzt. Ob es sich dabei um Begehren, Bewunderung oder bloßes Staunen handelt, bleibt offen. Getragen wird diese Perspektive maßgeblich von Lucijas Darstellung durch Jara Sofija Ostan, die hier ihre erste Filmrolle übernimmt.


Lucija, gespielt von Jara Sofija Ostan, blickt angespannt nach vorn, eine weitere junge Frau steht dicht hinter ihr – Szenenbild aus „Little Trouble Girls“.
Bildnachweis: © Grandfilm

Ostan verkörpert Lucija mit einer auffallenden Zurückgenommenheit, die konsequent auf innere Prozesse ausgerichtet ist und äußere Dramatisierung vermeidet. Ihre Spielweise arbeitet mit minimalen Verschiebungen in Mimik und Körperhaltung, mit zögernden Blicken, stockenden Bewegungen und einer physischen Präsenz, die zwischen Anpassung und innerer Spannung schwankt, die sich aus dem gleichzeitigen Vorhandensein widersprüchlicher Impulse speist – Neugier und Angst, Lust und Schuld, Wunsch und Selbstkontrolle. Demgegenüber steht Ana-Marija, die als selbstbewusster Gegenpol entworfen ist. Ana-Marija weiß um ihre Wirkung, bewegt sich sicher innerhalb der zentralen Mädchengruppe und testet Grenzen mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein und kalkulierter Provokation. Die von Mina Švajger gespielte Ana-Marija fungiert daher vor allem auch als Katalysator für Lucijas Erfahrungen, als Figur, an der sich Fragen von Anpassung, Begehren und Selbstermächtigung entzünden. Gleichzeitig bleibt ihre Figurenanlage recht typisiert, da der Film wenig Interesse daran zeigt, ihr Innenleben jenseits ihrer Funktion für die Protagonistin weiter auszuleuchten.


Djukićs Inszenierung verlagert die zentralen Themen von „Little Trouble Girls“ konsequent auf die inszenatorische Ebene. Dialoge sind sparsam eingesetzt, vieles entsteht ausschließlich durch Bildkomposition, Rhythmus und Ton, was die sinnliche Überwältigung des Erwachsenwerdens in den Vordergrund rückt. So ahmt Lev Predan Kowarskis Kameraführung Lucijas Blicke nach, wenn die Bilder über Haut, Lippen oder Muskeln gleiten, und verknüpft diese Beobachtungen gleichermaßen mit der allgegenwärtigen Präsenz religiöser Symbolik. Kreuze, Heiligenfiguren und sakrale Räume werden nicht nur als Hintergrund gezeigt, sondern als visuelle Gegenspieler eines Begehrens inszeniert, das sich seiner eigenen Unvereinbarkeit mit diesen Zeichen bewusst ist. Gleichzeitig greift der Film auf eine Reihe deutlich lesbarer Metaphern zurück, deren Bildhaftigkeit zwar nachvollziehbar, in ihrer Häufung jedoch auch angestrengt wirkt.


Zwei junge Mädchen stehen sich unter Weinblättern gegenüber und halten Trauben in den Händen – Filmszene aus „Little Trouble Girls“.
Bildnachweis: © Grandfilm

Die Symbolik drängt sich so stellenweise in den Vordergrund und ersetzt dort jene Zuspitzung, die der Film narrativ vermeidet. Subtilität ist nicht die Stärke dieses Ansatzes, vielmehr setzt der Film auf eine konsequente, manchmal auch insistierende Übersetzung innerer Zustände in visuelle Metaphern. Besonders der Chor, dem Lucija angehört, wird als überdeutliches Spiegelbild ihres inneren Zustands genutzt. Die zunehmende Dissonanz, das wiederholte Scheitern an Harmonie und Rhythmus, wird demnach nicht nur als musikalisches Problem verhandelt, sondern als Bild für eine Gemeinschaft, in der individuelle Abweichung störend wirkt. Wenn der Chorleiter mangelnde Harmonie beklagt, wird dies schließlich zur Metapher einer Gemeinschaft, in der individuelle Abweichung hörbar stört.


Doch so konsequent „Little Trouble Girls“ die Empfindungsebene seiner Protagonistin auslotet, so zögerlich bleibt der Film darin, daraus narrative Konsequenzen zu ziehen. Mögliche Konfliktlinien werden zwar angedeutet, aber nicht weitergeführt. Weder die Beziehung zwischen den Mädchen noch die Begegnungen mit dem Chorleiter oder den Handwerkern werden vertieft. „Little Trouble Girls“ interessiert sich kaum dafür, mögliche Handlungspfade tatsächlich auszuleuchten. Viele Szenen funktionieren als in sich geschlossene Beobachtungen, verlieren jedoch in der Abfolge an Dynamik. So verharrt die Handlung in einem Zustand des Schwebezustands, der zwar dem inneren Erleben der Hauptfigur entspricht, dem Film insgesamt jedoch eine gewisse Ziellosigkeit verleiht.


Mädchenchor probt mit Notenblättern in einem hellen Raum – Szene aus dem Coming-of-Age-Drama „Little Trouble Girls“.
Bildnachweis: © Grandfilm

Die Tage im klösterlichen Umfeld ziehen vorbei, ohne dass sich aus der Beobachtungshaltung eine wirkliche Emanzipation von Protagonistin Lucija ergibt. Augenscheinlich vertraute Djukić ihrer audiovisuellen Form mehr als ihrer Handlung und setzt darauf, dass Atmosphäre und Wahrnehmung die fehlende narrative Dynamik kompensieren. Mit einer Laufzeit von 90 Minuten wirkt der Film auf dem Papier kompakt, in seiner Wirkung dadurch jedoch überraschend schwerfällig. Die Inszenierung dehnt eine vergleichsweise schmale Handlung über die Länge eines Langspielfilms, sodass stellenweise der Eindruck entsteht, eine Kurzfilmidee sei auf Spielfilmlänge ausgeweitet worden, ohne ihr zusätzliche narrative Ebenen hinzuzufügen. Langsamkeit wäre dabei nicht per se problematisch, wird hier jedoch kaum durch dramaturgische Verdichtung aufgefangen.


Fazit:


„Little Trouble Girls“ ist ein sensibel beobachtendes, stark über die Wahrnehmung seiner Protagonistin erzähltes Coming-of-Age-Drama, das inhaltlich zu zögerlich bleibt und sich damit trotz starker Hauptdarstellerin in überfrachteter Symbolik verliert, die zwar poetische Bilder hervorbringt, aber keine tragende narrative Dynamik entwickelt.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 29. Januar 2026 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Little Trouble Girls“:

Genre: Drama, Coming-of-Age

Laufzeit: 90 Minuten

Altersfreigabe: FSK 12


Regie: Urška Djukić

Drehbuch: Urška Djukić und Maria Bohr

Besetzung: Jara Sofija Ostan, Mina Švajger, Saša Tabaković und viele mehr ...


Trailer zu „Little Trouble Girls“:


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