Kritik zu „Es geht um Luis“: Wenn Mobbing zur Elternsache wird
- Toni Schindele

- 22. Jan. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Nach „Reise nach Jerusalem“ kehrt Lucia Chiarla mit ihrem neuen Kinofilm „Es geht um Luis“ auf die große Leinwand zurück. Diesmal geraten familiäre Beziehungen und Erwartungen ins Visier, die unter äußerem Druck ins Wanken geraten.

Lucia Chiarla ist eine italienisch-deutsche Filmemacherin, die sich mit nur einem Film spielfilm direkt einen Namen gemacht hat. Sie wurde in Genua geboren und zog später nach Deutschland, wo sie ihre Karriere als Schauspielerin und Drehbuchautorin begann. Ihr Schaffen zeichnet sich durch eine präzise Beobachtung des Alltags und eine tiefgehende Auseinandersetzung mit sozialen und wirtschaftlichen Themen aus. Ihr Langfilmdebüt „Reise nach Jerusalem“ aus dem Jahr 2018 erregte große Aufmerksamkeit in der unabhängigen Filmszene. Der Film erzählt die Geschichte einer arbeitslosen Frau in Berlin, die sich durch das undurchsichtige System von Bewerbungen, Jobcentern und prekären Lebensbedingungen kämpft. Jetzt kommt ihr zweiter Film „Es geht um Luis“ in die Kinos, der auf dem Theaterstück „The Little Pony“ von Paco Bezerra basiert.
Darum geht es:
Constanze und Jens kämpfen bereits mit ihrem hektischen Alltag, als ihr Sohn Luis plötzlich in der Schule immer größere Schwierigkeiten bekommt. Zwischen gesellschaftlichem Druck und dem Wunsch, ihn zu schützen, stoßen die beiden an ihre Grenzen. Doch wie tief die Wunden reichen, die Mobbing bei Luis hinterlässt, erkennen sie erst, als es fast zu spät ist. Können sie ihren Sohn retten, bevor die Situation völlig außer Kontrolle gerät?
Die Rezension:
„Es geht um Luis“ ist ein Film, der sich dem Thema Mobbing widmet, jedoch mit einer ungewöhnlichen Perspektive. Denn der Fokus liegt nicht auf dem Gemobbten selbst, sondern auf seinem Umfeld – genauer gesagt auf den Eltern des hier traktierten Kindes, deren Versuche, mit der Situation umzugehen, den zentralen narrativen Kern des Films ausmachen. Diese Entscheidung, die titelgebende Figur fast vollständig aus der Handlung herauszunehmen, verstärkt den Eindruck von Isolation und Hilflosigkeit, die Mobbing mit sich bringt. Doch indem der recht nebulös angelegte Schuljunge Luis fast vollständig unsichtbar bleibt, wird dem Publikum auch die Möglichkeit genommen, sich mit ihm direkt zu identifizieren.

Dadurch entsteht ein lange subjektives Bild, das wenig Raum dafür lässt, Mobbing auch als solches zu identifizieren, da dieses tatsächlich mehrfach im Film in Frage gestellt wird und somit stellenweise mehr eine Diskussion über das Ob als das Warum und Wie entsteht. Gerade weil es das Ziel von Mobbing ist, herabzusetzen, das Selbstwertgefühl zu zerstören oder jemanden aus einer Gemeinschaft zu drängen, ist Chiarlas Erzählweise durchaus eine Gratwanderung zwischen einer gerechtfertigten Perspektive, die bisher selten breit rezipiert wurde, und einem problematischen Szenario, in dem ein stures Kind einen offenbarenden Beziehungskonflikt auslöst. Zudem ist „Es geht um Luis“ insgesamt deutlich mehr ein auf die Analyse menschlicher Reaktionen getrimmter Film als einer, der emotional berührend mitnimmt.
Der Ausgangspunkt des Konflikts – ein lilafarbener Rucksack mit Einhorn-Motiv, den Luis trotz gesellschaftlicher Normen stolz trägt – wird zum Sinnbild dafür, aufgrund von mehrheitsgesellschaftlich Unbeliebtem ins Kreuzfeuer der Ausgrenzung zu geraten. Dieser Rucksack, der hier einerseits für Individualität und andererseits für die gesellschaftlichen Zwänge steht, ist ein simples, aber doch einprägsames wie nachvollziehbares visuelles Element, das im Verlauf der Handlung immer wieder metaphorisch aufgegriffen wird. Die Handlung konzentriert sich zentral auf die Reaktionen und Konflikte der Eltern Jens und Constanze, deren gegensätzliche Ansichten darüber, wie sie ihrem Sohn helfen können, die Dynamik bestimmen. Die verschiedenen Konflikte und vielen Reizthemen, die der Film aufwirft, bringen die beiden Protagonisten im Grunde stets in die Position, sich mit gesellschaftlichen Normen auseinanderzusetzen.

Die Darstellungen von Max Riemelt als Jens und Natalia Rudziewicz als Constanze überzeugen dabei in dieser fast Zwei-Personen-Inszenierung mit Intensität und durchaus nuacierter Mimik. Riemelt, der den zunehmend verzweifelten Vater spielt, balanciert zwischen Frustration und einem tief verwurzelten Drang, für seinen Sohn einzustehen, während Rudziewicz die pragmatischere, oft als distanzierter empfundene Mutter verkörpert. Diese dynamische Gegensätzlichkeit bietet interessante Spannungsmomente, die jedoch durch ein oft zu dialoglastiges Drehbuch abgeschwächt werden. Die Dialoge wirken stellenweise mehr wie politisch aufgeladene Diskurse, die Themen wie Geschlechterrollen, soziale Verantwortung und individuelle Freiheit abarbeiten, anstatt organisch aus den Figuren herauszukommen.
Der Film reiht Problematiken wie auf einer Checkliste aneinander, ohne dass diese immer organisch zusammenfließen. Die Entscheidung, den Großteil der Handlung im Taxi von Jens spielen zu lassen, ist eine interessante Adaption der Theatervorlage, da dieses noch in einer Wohnung angesiedelt war. Das Taxi fungiert als Katalysator für die Konflikte der Eltern, verstärkt durch die begrenzte räumliche Freiheit. Die Inszenierung von Lucia Chiarla zeigt ein gutes Gespür für symbolische Bilder und visuelle Metaphern, bleibt jedoch oft in seiner sehr offentsichtlich aus einem Theaterstrück kommenden Erzählweise gefangen.

Die technische Umsetzung, insbesondere die Kameraführung von Christoph Iwanow, versucht zwar viel, damit die örtliche Begrenzung auf der großen Leinwand nicht zu einengend wirkt – unter anderem durch den Einsatz von Drohnenaufnahmen und weiten Außenaufnahmen –, doch auch die reduzierte Farbpalette trägt dazu bei, dass der Film visuell wenig mitreißend ist. Die Bühne wird zwar durch das fahrende Taxi ersetzt, aber die enge Verortung der Handlung verhindert ein echtes filmisches Erlebnis. Stattdessen wirkt der Film häufig wie ein Kammerspiel, dessen Potenzial durch das Medium Film nicht vollständig ausgeschöpft wird.
Kritik:
„Es geht um Luis“ ist ein unkonventionelles Kammerspiel über Mobbing, das sich nicht dem Opfer, sondern dessen Eltern widmet. Die Inszenierung im engen Taxi und die dialoglastige Erzählweise können mit Max Riemelt und Natalia Rudziewicz mitreißen, aber nie wirklich beweisen, warum das zugrundeliegende Theaterstück für die große Kinoleinwand verfilmt wurde.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 23. Januar 2025 im Kino.
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Weitere Informationen zu „Es geht um Luis“:
Genre: Drama
Laufzeit: 98 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12
Regie: Lucia Chiarla
Drehbuch: Lucia Chiarla
Besetzung: Max Riemelt, Natalia Rudziewicz, Franziska Troegner und viele mehr ...
Trailer zu „Es geht um Luis“:





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