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Kritik zu „Free at Heart“: Gibt es falsche Liebe?

Autorenbild: Toni Schindele
Toni Schindele
vor 19 Stunden
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Stunden

Liebe kennt keine Grenzen, heißt es oft. Doch gilt das auch, wenn man sich in seinen leiblichen Bruder verliebt? In seinem Spielfilmdebüt „Free at Heart“ erzählt Max Hegewald von einer Liebe, die alles infrage stellt, was als selbstverständlich gilt.


Linus Moog als Sebastian und Aurel Klug als Kolja in einer Szene aus „Free At Heart“.
Bildnachweis: © Salzgeber

Kaum ein gesellschaftliches Tabu ist so tief verwurzelt wie das des Inzests. Dennoch zieht sich das Motiv einer sexuellen Beziehung zwischen nahen Verwandten durch die Kulturgeschichte: von Sophokles’ antiker Tragödie „König Ödipus“ über Ian McEwans Roman „Der Zementgarten“ bis hin zur Erfolgsserie „Game of Thrones“. Dabei wirft es Fragen nach Liebe, familiären Bindungen, Macht und den Grenzen gesellschaftlicher Moral auf. Mit „Free at Heart“ widmet sich nun auch Max Hegewald diesem Thema. Der 1991 in Berlin geborene Schauspieler, bekannt aus „Weissensee“ und „Nackt unter Wölfen“, sammelte bereits mit mehreren Kurzfilmen, dem Dokumentarfilm „Silvia Is My Name“ und der Krimiserie „SOKO Potsdam“ Regieerfahrung. Mit „Free at Heart“ legt er seinen ersten abendfüllenden Spielfilm vor. Doch gelingt es Hegewald, aus einem gesellschaftlichen Tabu mehr als einen provokanten Filmstoff zu machen?


Darum geht es:


Ein Sommer voller Leichtigkeit, durchfeierter Nächte am See und erster Zukunftsträume. Für den 16-jährigen Sebastian scheint das Leben in seiner Kleinstadt seinen gewohnten Gang zu gehen, bis plötzlich der 15-jährige Kolja vor der Tür steht. Nach dem Tod seiner Mutter soll er bei Sebastians Familie einziehen. Doch Kolja ist kein Fremder, sondern sein Bruder, von dessen Existenz Sebastian bislang nichts wusste. Während die beiden einander näherkommen, entwickelt sich aus ihrer anfänglichen Vertrautheit eine Liebe, die alle familiären und gesellschaftlichen Grenzen überschreitet. Was zunächst ihr gemeinsames Geheimnis bleibt, droht bald die Familie auseinanderzureißen. Doch wie weit können Sebastian und Kolja gehen, um an ihren Gefühlen festzuhalten?


Die Rezension:


Was, wenn sich eine Liebe für zwei Menschen richtig anfühlt, für alle anderen aber falsch? Genau mit diesem Widerspruch beschäftigt sich Max Hegewalds „Free at Heart“. Die inzestuöse Beziehung zwischen den Brüdern Sebastian und Kolja fordert nicht nur gesellschaftliche Tabus heraus, sondern auch die moralischen Gewissheiten des Publikums. Denn Hegewald interessiert sich weniger für die Provokation selbst als für die Frage, warum sie überhaupt eine solche Wirkung entfaltet. Was genau empfinden wir als falsch, und wie begründen wir dieses Urteil? Damit berührt der Film eine Debatte, die weit über seine Liebesgeschichte hinausgeht: Wo endet individuelle Selbstbestimmung, wo beginnt gesellschaftliche Verantwortung? Und welche Rolle spielt dabei unser Verständnis von Familie? Hegewald hinterfragt dabei insbesondere auch die Vorstellung, dass die traditionelle Familie eine natürliche, schützenswerte Ordnung sei.


Szenenbild aus „Free at Heart“: Sebastian sitzt mit gesenktem Blick auf einer Bank im Freien, während seine Freundin Sarah ihn aufmerksam und nachdenklich betrachtet.
Bildnachweis: © Salzgeber

Hinter juristischen Begriffen wie dem Schutz der Familie oder der Entwicklung des Kindes stehen schließlich auch gesellschaftliche Wertvorstellungen, deren Berechtigung nicht allein dadurch feststeht, dass sie gesetzlich verankert sind. Wie schwierig die Abwägung zwischen sexueller Selbstbestimmung, familiären Bindungen und staatlichen Eingriffsrechten sein kann, zeigt der reale Fall Patrick Stübing, mit dem sich Hegewald im Zuge seiner Recherchen beschäftigte. Stübing führte eine Beziehung mit seiner leiblichen Schwester, die er erst als Erwachsener kennengelernt hatte, und wurde dafür mehrfach verurteilt. Selbst der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bestätigte 2012 die Rechtmäßigkeit seiner Verurteilung. Doch die rechtliche Bewertung beantwortet noch nicht die Frage, was eine solche Beziehung tatsächlich problematisch macht.


Neben gesellschaftlichen Moralvorstellungen spielen dabei auch mögliche Machtgefälle, emotionale Abhängigkeiten und die Bedingungen von Einvernehmlichkeit eine Rolle. Gerade innerhalb familiärer Beziehungen lassen sich diese Aspekte nur schwer voneinander trennen. Auch „Free at Heart“ muss sich deshalb daran messen lassen, ob der Film nicht nur die gesellschaftliche Verurteilung seiner Figuren hinterfragt, sondern ebenso die Widersprüche ihrer Beziehung sichtbar macht. Hegewald nähert sich diesen Widersprüchen, indem er die Liebe zwischen Sebastian und Kolja zugleich als eine Geschichte der Identitätssuche erzählt. Denn für Sebastian ist sein Bruder nicht nur ein Mensch, den er begehrt, sondern auch jemand, in dem er Möglichkeiten seiner eigenen Persönlichkeit erkennt.


Szenenbild aus „Free at Heart“: Sebastian und Kolja liegen nebeneinander auf weißen Gartenliegen im Grünen, lachen ausgelassen und genießen einen gemeinsamen Moment.
Bildnachweis: © Salzgeber

Kolja verkörpert daher in gewisser Weise all das, was Sebastian selbst nicht auszuleben wagt. Wo der eine zögert, handelt der andere. Mit dieser Gegensätzlichkeit spielt Hegewald durchaus bewusst


erwächst eine Nähe, die ebenso befreiend wie verstörend wirkt und in der das klassische literarische Motiv des Doppelgängers bewusst zum Tragen kommt. Besonders in der deutschen Romantik, etwa bei E. T. A. Hoffmann, steht die Begegnung mit dem eigenen Ebenbild für die Konfrontation mit verdrängten Wünschen, Ängsten und unbekannten Seiten der eigenen Persönlichkeit. Auch Kolja ist für Sebastian ein solches Gegenüber: zugleich Vertrauter und Fremder, Vorbild und Bedrohung. Die Brüder ziehen sich an und stoßen sich ab, suchen Nähe und müssen sich doch als eigenständige Menschen behaupten. Doch wie sehr liebt Sebastian tatsächlich seinen Bruder, und wie sehr liebt er das, was er in ihm zu erkennen glaubt?


Gerade weil sich seine Sehnsucht nach Kolja mit der Suche nach sich selbst verbindet, wird fraglich, wo gegenseitige Liebe endet und emotionale Abhängigkeit beginnt. Diese Verflechtung erhält durch ihre familiäre Bindung eine zusätzliche Brisanz. Denn anders als in einer gewöhnlichen Liebesbeziehung steht bei einer möglichen Trennung nicht nur die Partnerschaft auf dem Spiel, sondern auch das Verhältnis zum eigenen Bruder. Was bedeutet es für die beiden, wenn sich Liebe und Familie nicht mehr voneinander trennen lassen? Und wie viel von ihrem Leid entsteht aus dieser Nähe selbst, wie viel durch den gesellschaftlichen Druck, sie geheim halten zu müssen? Gerade angesichts der Minderjährigkeit wird dabei auch die Frage nach dem Kindeswohl unausweichlich. Selbstbestimmung und Schutzbedürftigkeit schließen sich schließlich nicht gegenseitig aus.



Der Film hätte diese Spannung noch entschiedener ausloten können, indem er nicht nur die Verletzungen durch gesellschaftliche Ausgrenzung zeigt, sondern auch die möglichen Gefahren innerhalb der Beziehung ernst nimmt. Stattdessen erscheinen staatliche Institutionen vor allem als starre, beinahe antagonistische Verkörperungen gesellschaftlicher Moral. So vereinfacht Hegewald den Konflikt ausgerechnet dort, wo seine Geschichte am unbequemsten und interessantesten werden könnte. Diese Unschärfe zeigt sich auch in der Figurenzeichnung. Was Sebastian und Kolja antreibt, wo ihre Zweifel liegen und wie sie selbst ihre Beziehung erleben, wird oft nur angedeutet. Viele Konflikte bleiben daher skizzenhaft, Motive und Nebenhandlungen wirken nicht immer zu Ende gedacht. Gerade weil der Film so grundlegende Fragen nach Selbstbestimmung, Abhängigkeit und Verantwortung stellt, fällt diese mangelnde Ausarbeitung ins Gewicht.


Linus Moog und Aurel Klug am Set von „Free At Heart“ während der Dreharbeiten.
Bildnachweis: © Junifilm

Dass die Geschichte dennoch berührt, verdankt sie vor allem Linus Moog und Aurel Klug in den Hauptrollen der beiden Brüder. Moogs Sebastian wirkt oft, als müsse er erst den Mut finden, seinen eigenen Gefühlen zu vertrauen. Klugs Kolja scheint ihm darin stets einen Schritt voraus zu sein, auch wenn hinter seiner selbstbewussten Art eine Unsicherheit spürbar wird, die er nicht immer verbergen kann. Moog vermittelt dieses Zögern durch sparsame Gesten und zurückgenommene Reaktionen, während Klug gerade im Wechsel zwischen unbefangener Nähe und plötzlicher Zurückhaltung die Verletzlichkeit seiner Figur sichtbar macht. Ihr Zusammenspiel bewahrt die Figuren vor einfachen Rollenbildern: Hier der Unsichere, dort der Verführer. Wo das Drehbuch an Tiefe spart, schaffen die beiden Darsteller sie mit Körpersprache, feinen Nuancen und bemerkenswerter Zurückhaltung.


Fazit:


Max Hegewalds „Free at Heart“ erzählt von einer Liebe, die gesellschaftliche Gewissheiten erschüttert, Fragen nach Selbstbestimmung, Abhängigkeit und Verantwortung jedoch eher an der Oberfläche verhandelt. Dass die Geschichte dennoch berührt, ist vor allem Linus Moog und Aurel Klug zuzuschreiben, die ihren Figuren jene Verletzlichkeit und Vielschichtigkeit verleihen, die das Drehbuch nicht immer einzulösen vermag.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 29. Oktober 2026 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Free at Heart“:

Genre: Drama

Laufzeit: 115 Minuten

Altersfreigabe: FSK 16


Regie: Max Hegewald

Drehbuch: Max Hegewald

Besetzung: Linus Moog, Aurel Klug, Oli Bigalke und viele mehr ...


Trailer zu „Free at Heart“:


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