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Kritik zu „Heldin“: Ein Blick ins Innere eines Systems am Rand des Zusammenbruchs

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • 28. Feb. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Nach ihren zuletzt viel beachteten Hauptrollen in den Oscar-nominierten Filmen „Das Lehrerzimmer“ und „September 5“ steht Leonie Benesch nun in „Heldin“ im Zentrum. Doch hat der Film ebenfalls das Potenzial, im kommenden Oscar-Rennen mitzuspielen?


In „Heldin“ lehnt Pflegefachkraft Floria (Leonie Benesch) erschöpft an der Wand eines Krankenhausaufzugs und blickt nach oben.
Bildnachweis: © TOBIS Film GmbH

Während der Corona-Pandemie wurde Pflegepersonal plötzlich zur systemrelevanten Berufsgruppe erklärt. In vielen Städten klatschten Menschen abends auf ihren Balkonen als Zeichen der Anerkennung – an den strukturellen Problemen des Berufs änderte das jedoch wenig. Autorin und Regisseurin Petra Biondina Volpe setzt sich seit Längerem mit diesem Themenfeld auseinander und hat ihre Recherchen nun in einen Spielfilm überführt. Ausgangspunkt war der Versuch, den Arbeitsalltag während einer gewöhnlichen Schicht möglichst realitätsnah abzubilden. Der daraus entstandene Film „Heldin“ feierte seine Weltpremiere auf der diesjährigen Berlinale und startet nun regulär im Kino. Zeit also, genauer hinzusehen: Wie gelingt es dem Film, Pflegearbeit filmisch zu fassen?


Darum geht es:


Ein Spätdienst auf der chirurgischen Station eines Schweizer Krankenhauses wird für die junge Pflegerin Floria zur Zerreißprobe. Zu zweit betreuen sie und ihre Kollegin insgesamt 26 Patienten und kämpfen gegen die Uhr. Während sie von Raum zu Raum eilt, begegnet sie einer Vielzahl menschlicher Schicksale. Zwischen Medikamenten, Gesprächen, Verantwortung und Versäumnissen droht Floria die Kontrolle über ihre Schicht zu entgleiten. Wie lange kann sie durchhalten, bevor alles zusammenbricht?


Die Rezension:


„Heldin“ setzt bei einer gesellschaftlichen Realität an, die in politischen Sonntagsreden zwar regelmäßig beschworen, in der konkreten Praxis jedoch nur unzureichend adressiert wird: dem strukturellen Notstand in Pflege und Krankenhausbetrieb. Petra Volpe wählt den Weg über die Fiktion, um Zahlen, Quoten und Prognosen nicht einfach zu illustrieren, sondern in den Alltag einer einzelnen Schicht zu übersetzen. Die statistischen Hinweise, die der Film am Ende in Texttafeln einblendet – vom prognostizierten Mangel zehntausender Pflegekräfte in der Schweiz bis zu hohen Abbruchquoten in Ausbildung und Beruf – rahmen das zuvor Gezeigte rückblickend ein, sind aber nicht Ausgangspunkt der Erzählung, sondern deren kommentierende und Kontext liefernde Klammer. „Heldin“ versteht sich damit weniger als didaktischer Appellfilm, sondern als konzentrierte Innenansicht eines Systems, in dem Überforderung, Personallücken und ökonomischer Druck längst Normalzustand geworden sind.


Pflegefachkraft Floria (Leonie Benesch) schiebt in „Heldin“ ein Krankenhausbett mit einem Patienten durch einen langen, hell ausgeleuchteten Klinikflur.
Bildnachweis: © TOBIS Film GmbH

Erzählerisch verengt die Regisseurin den Raum radikal auf Floria, eine Krankenpflegerin auf einer Station eines Schweizer Kantonsspitals, die während einer Spätschicht mit einer Kollegin und einer Auszubildenden für eine ganze Etage verantwortlich ist. Auf narrativer Ebene strukturiert Volpe den Film über mehrere kleinere Patientengeschichten, die sich während der Schicht kreuzen und überlagern. Dabei spannt der Film seinen Bogen von der Fahrt zur Arbeit über die sich zuspitzende Schicht bis zur Erschöpfung im Bus nach Dienstende und erzeugt damit den Eindruck einer fast geschlossenen Zeitkapsel, erzeugt so über weite Strecken den Eindruck von Echtzeit, auch wenn die 91-minütige Laufzeit mehrere Stunden abbildet. Aus der Verdichtung einer Schicht ergibt sich eine starke Dynamik, der man sich kaum entziehen kann.


Der Konfliktaufbau folgt einer klaren, beinahe thrillerartigen Steigerungslogik: Zunächst etabliert „Heldin“ minutiös die Abläufe – Händedesinfektion, Medikamentenvorbereitung, Informationsübergabe, Dokumentation – und macht so sichtbar, wie viel Zeit in scheinbar nebensächlichen Handgriffen steckt. Nach und nach verdichten sich alltägliche Situationen zu einer Kettenreaktion aus Verzögerungen und Unwägbarkeiten. Eine ältere Patientin muss nach einem peinlichen Zwischenfall neu versorgt werden, Angehörige einer schwerkranken Frau drängen auf Auskunft, ein fordernder Privatpatient reklamiert Sonderbehandlung, Notfälle kommen hinzu, und immer wieder muss Floria Patienten in andere Bereiche bringen oder von dort übernehmen. Judith Kaufmanns Kamera bleibt dabei fast ununterbrochen in Florias Nähe, folgt ihr durch Flure und Zimmer, durch Türen, Engstellen und enge Patientenzimmer, ohne die räumliche Übersicht zu verlieren.


In „Heldin“ sitzt Pflegefachkraft Floria (Leonie Benesch) in blauer Arbeitskleidung allein in der Umkleidekabine eines Krankenhauses auf einer Bank zwischen Spinden.
Bildnachweis: © TOBIS Film GmbH

Die Nähe zur Protagonistin erzeugt ein hohes Maß an Immersion, zugleich wahrt die Bildgestaltung eine Distanz, die es ermöglicht, Vorgänge präzise zu erfassen und nicht bloß subjektiv zu bebildern. Dass die Inszenierung in engen Räumen funktioniert, ohne klaustrophobisch zu wirken, liegt an dieser Balance aus Nähe und Zurückhaltung: Die Bilder machen Verletzlichkeit sichtbar, verzichten aber auf voyeuristische Zuspitzung. Die musikalische Ebene unterstützt dieses Konzept der Verdichtung, indem sie weitgehend zurückgenommen bleibt. Anstatt den ohnehin hohen Stresspegel durch einen aufdringlichen Score zusätzlich zu steigern, setzt die Musik nur punktuell Akzente. Das Geräusch der Klinik – Pieptöne, Stimmengewirr, Telefonklingeln, Schritte in den Fluren – übernimmt gewissermaßen die Funktion eines Soundtracks und macht hörbar, wie wenig Raum für Stille und Regeneration in diesem Arbeitsumfeld existiert.


Zentraler Anker des Films ist Leonie Benesch als Floria. Nach „Das Lehrerzimmer“ ist sie erneut in einer Rolle zu sehen, die ihr großes darstellerisches Können verlangt. Ihr Spiel ist unaufdringlich, präzise und arbeitet stark über Körperlichkeit: die Art, wie sie Ordner an sich drückt, wie sie zwischen Betten, Monitoren und Infusionsständern hindurch navigiert, wie ihr Gesicht zwischen professioneller Ruhe und erschöpfter Anspannung hin- und herschaltet, ohne große emotionale Ausbrüche zu benötigen. Benesch zeigt eine Figur, die gelernt hat, Emotionen zu regulieren, um funktionieren zu können, und nur in kurzen unbeobachteten Momenten den inneren Druck sichtbar werden lässt. Wenn sie im Stationszimmer kurz innehält, den Blick schließt oder sich an der Theke abstützt, sind das kleine Ventile, in denen sich der Belastungsgrad bündelt. Benesch trägt die Inszenierung so gut wie allein und das vor allem auch mühelos und zeigt einmal mehr, warum sie eine der spannendsten deutschsprachigen Schauspielerinnen der Gegenwart ist.


Szene aus „Heldin“: Floria (Leonie Benesch) begleitet einen Patienten im Krankenbett in einem Krankenhausaufzug und steht ruhig neben ihm.
Bildnachweis: © TOBIS Film GmbH

Auch wenn Floria durchaus etwas idealisiert angelegt ist, erlaubt die Protagonistin aber zugleich, die Zumutungen des Arbeitsalltags durch eine Figur zu filtern, die dem Publikum Orientierung bietet, anstatt es in einer egalitären Ensembleperspektive zu verlieren. Dass diese Darstellung phasenweise nah an die Erwartungen eines Vorbild-Charakters rückt, kann man daher zwar als dramaturgische Vereinfachung abtun – sie macht aber ebenso sichtbar, welche Projektionen unsere Gesellschaft Pflegekräften auferlegt, die zugleich menschlich, unerschütterlich und fehlerfrei funktionieren sollen. Denn dieser Film kommt weitgehend ohne klassischen Antagonisten oder kathartischen Moment aus, dass der Film am Ende nicht auf eine spektakuläre Katastrophe zusteuert, sondern in den Alltag zurückkippt, führt sehr deutlich vor Augen, dass das System unserer Protagonistin das eigentliche Problem ist und die Überforderung im Alltag der Pflegekräfte ein tatsächlicher Dauerzustand ist, den viele Menschen jeden Tag aufs Neue erleben, auch wenn genau diese Menschen einen der wichtigsten Berufe in unserer Gesellschaft ausüben. Schließlich sind wir alle – kommen wir einmal ins Krankenhaus – auf eben jene Heldinnen wie Floria angewiesen.


Fazit:


„Heldin“ komprimiert eine einzige Schicht im Klinikalltag zur klaren Diagnose: chronische Unterbesetzung und hoher Druck sind im Krankenhaus längst Alltag. Ohne Sensationsdramatik beobachtet Petra Volpes Film präzise den Arbeitsrhythmus einer Pflegerin und zeigt, wie Verantwortung und Erschöpfung ineinander greifen – mitreißend getragen von Leonie Benesch.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 27. Februar 2025 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Heldin“:

Genre: Drama

Laufzeit: 91 Minuten

Altersfreigabe: FSK 6


Regie: Petra Volpe

Drehbuch: Petra Volpe

Besetzung: Leonie Benesch, Sonja Riesen, Selma Adin und viele mehr ...


Trailer zu „Heldin“:


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