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Kritik zu „Juror #2“: Ein letzter Prozess?

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • 17. Jan. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Ein Mann. Ein Gerichtssaal. Und ein Zweifel, der alles verändern könnte. Clint Eastwoods neuer Film „Juror #2“ stellt genau diese brisante Frage: Wie sicher können wir uns über Schuld und Unschuld wirklich sein?


Kritik zu „Juror #2“: Ein letzter Prozess?
Bildnachweis: © 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Im Kino gibt es immer wieder Filme, die von einer besonderen Aura umgeben sind – sei es durch die Besetzung, die Handlung oder die persönliche Bedeutung für die Schaffenden. „Juror #2“ ist zweifellos ein solcher Film. Vom wortkargen Revolverhelden in Sergio Leones Dollar-Trilogie über den kompromisslosen „Dirty Harry“ bis hin zum vierfach oscarprämierten Regisseur von Filmen wie „Erbarmungslos“ und „Million Dollar Baby“ – über sieben Jahrzehnte prägte Clint Eastwood das US-amerikanische Kino, brach Rekorde, sammelte Auszeichnungen – und stand noch immer auf der Bühne, als andere längst Abschied genommen hatten.


Nun, im Alter von 94 Jahren, steht sein womöglich letzter Film an. „Juror #2“ basiert auf einem Drehbuch von Jonathan Abrams, das 15 Jahre lang in den Schubladen Hollywoods lag, bis sich schließlich Clint Eastwood seiner annahm und es nach seinen Vorstellungen umgestaltete. Nach dem enttäuschenden Misserfolg von „Cry Macho“, der bei Publikum und Kritik kaum Begeisterung hervorrief, hat er sich mit diesem Film wieder einem Genre zugewandt, das ihm bestens vertraut ist – und doch präsentiert er mit „Juror #2“ kein klassisches Justizdrama.


Darum geht es:


Kurz vor der Geburt seines ersten Kindes wird Justin Kemp als Geschworener in einen aufwühlenden Mordprozess berufen. Alle Beweise scheinen gegen den Angeklagten James Sythe zu sprechen, doch je länger die Verhandlung dauert, desto größer werden Justins Zweifel – nicht nur am Fall, sondern auch an sich selbst. Denn in der Nacht des Verbrechens hatte er genau auf dieser Straße einen Unfall, von dem er glaubte, nur ein Reh erfasst zu haben. Was, wenn er sich irrt – und die Wahrheit viel düsterer ist?


Die Rezension:


Clint Eastwoods „Juror #2“ erweitert das Subgenre des US-amerikanischen Gerichtsdramas um eine hybride Struktur aus moralischem Kammerspiel und psychologischem Thriller. Das Drehbuch von Jonathan Abrams verlässt dabei früh die klassische Formel von Whodunit-Narrativen und etabliert ein what-would-you-do-Szenario, das die bekannte Spannung um Fragen nach Schuld und Gerechtigkeit durch ein Gedankenexperiment individueller Moral ersetzt. Bereits nach wenigen Minuten wird offenbart, dass Justin Kemp selbst an dem Verkehrsunfall beteiligt war, der den Prozess auslöste. Dadurch verlagert sich die Spannung von äußeren Enthüllungen auf die innere Zerrissenheit des Protagonisten.


Kritik zu „Juror #2“: Ein letzter Prozess?
Bildnachweis: © 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Statt eines hermetisch geschlossenen Gerichtssaals inszeniert Eastwood zunehmend private Räume, Erinnerungsfragmente und moralische Fluchtpunkte. Die Erzählweise ist durchweg unaufgeregt, die Dramaturgie bewusst entschleunigt, sodass das Geschehen eine fast dokumentarische Bodenständigkeit erhält, die jedoch nicht über die latent vorhandene Künstlichkeit der Grundprämisse hinwegtäuschen kann. So wird die Glaubwürdigkeit weniger durch die äußere Logik der Handlung gestützt, sondern vielmehr durch die konsequente psychologische Durchdringung der Figuren. Gerade in dieser Offenheit und im Verzicht auf pathetische Überhöhungen liegt die stille Stärke des Films, der sich in die lange Reihe von Eastwoods Auseinandersetzungen mit Schuld, Verantwortung und dem schwierigen Verhältnis zwischen Individuum und System einfügt – ohne revolutionär zu wirken, aber auch ohne ins Beliebige abzugleiten.


Ästhetisch bleibt Eastwood seiner klaren, unverschnörkelten Direct-to-the-Point-Regie treu. Kameramann Yves Bélanger setzt bewusst auf gedeckte Töne und atmosphärische Halbdistanz, um den Druck im Gefüge der Geschworenen hervorzuheben. Thematisch beschäftigt sich „Juror #2“ weniger mit der Suche nach einer objektiven Wahrheit als mit der subjektiven Wahrnehmung von Moral, Schuld und Verantwortung. Der Film stellt dabei die zentrale Frage, ob und inwieweit das Retten des eigenen Lebens auf Kosten eines Anderen ethisch legitimierbar ist. Dies bedeutet gleichermaßen Stärke und Schwäche: Während wir zum eigenen Urteil provoziert werden, bleiben manche Argumentationsstränge – etwa die Ausweitung der Handlung auf alternative Spurensuchen oder mögliche Entlastungszeugen – überraschend oberflächlich skizziert.


In diesem Zuge dekonstruiert Eastwood auf subtile Weise das Bedürfnis nach klaren moralischen Kategorien und legt die strukturelle Voreingenommenheit des Rechtssystems offen, ohne es explizit zu verurteilen. Er entlarvt die Vorurteile, nach denen Menschen instinktiv Helden und Schurken unterscheiden, und macht deutlich, wie schnell gesellschaftliche Zuschreibungen über Schuld und Unschuld entscheiden können, unabhängig von der tatsächlichen Beweislage. Besonders deutlich wird dies im Kontrast zwischen Justin und dem Angeklagten James: Während Justin als höflicher Familienvater mit unscheinbarer Fassade auftritt, entspricht James bereits äußerlich dem Bild eines delinquenten Täters, was die Bereitschaft zur Verurteilung erheblich beeinflusst.


Kritik zu „Juror #2“: Ein letzter Prozess?
Bildnachweis: © 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Nicholas Hoult trägt als den Film mit einer nuancierten Darstellung: Sein Justin schwankt zwischen Pflichtgefühl, Selbstschutz und wachsender Schuld, was Hoult in nervösen Blicken und subtilen Pausen ausdrückt. Hoult, der bereits in „The Favourite“ und „The Menu“ ambivalente Charaktere verkörperte, zeichnet Justin als Figur ohne klare Helden- oder Schurkenkonturen. An seiner Seite liefern Toni Collette als fokussierte Staatsanwältin, J.K. Simmons als routinierter Ex-Cop und Chris Messina als rhetorisch versierter Verteidiger profilierte Gegenpunkte, die jeweils eigene Ideologien und Weltbilder vertreten. Das Zusammenspiel des Ensembles verleiht der Geschichte jenen lebendigen Reiz, der uns zum Mitdenken und Hinterfragen auffordert.


Doch anstatt ein flammendes Plädoyer gegen die Mängel des Geschworenensystems zu formulieren, zeichnet Eastwood ein Bild von Menschen, deren moralische Fehlbarkeit zugleich Ursprung und Grenze jeder Form von institutionalisierter Gerechtigkeit ist. Wer eine fundamentale Kritik erwartet, wird enttäuscht: Eastwood belässt es bei der Feststellung, dass das System „nicht perfekt, aber das Beste ist, was wir haben“. „Juror #2“ ist so weniger eine Anklage als ein resignativer Befund, der die Widersprüche des Rechtssystems ebenso akzeptiert wie die Unmöglichkeit, absolute Gerechtigkeit zu erreichen.


Fazit:


Mit entschleunigter Inszenierung, subtiler Figurenzeichnung und unaufgeregter Bildsprache dekonstruiert Clint Eastwoods „Juror #2“ unser Bedürfnis nach klaren Schuldzuweisungen – und liefert statt einer Anklage einen ernüchterten, aber klarsichtigen Befund über die Ambivalenz menschlicher Moral.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 16. Januar 2025 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Juror #2“:

Genre: Drama, Thriller

Laufzeit: 114 Minuten

Altersfreigabe: FSK 12


Regie: Clint Eastwood

Drehbuch: Jonathan Abrams

Besetzung: Nicholas Hoult, J.K. Simmons, Toni Collette und viele mehr ...


Trailer zu „Juror #2“:


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