Kritik zu „Kein Tier. So Wild.“: Theater trifft Kino
- Toni Schindele

- 4. Mai 2025
- 4 Min. Lesezeit
In seinem neuesten Film wagt sich Burhan Qurbani an eine radikale Neuinterpretation von Shakespeares „Richard III.“. Was dabei mit „Kein Tier. So Wild.“ entstanden ist, ist alles – nur kein gewöhnlicher Film.

Burhan Qurbani gehört zu den prägnantesten Stimmen des zeitgenössischen deutschen Kinos. Geboren 1980 in Erkelenz als Sohn afghanischer Einwanderer, studierte Qurbani an der Filmakademie Baden-Württemberg und machte schon früh mit politischen und künstlerisch ambitionierten Kurzfilmen auf sich aufmerksam. Bereits sein Abschlussfilm „Shahada“ aus dem Jahr 2010, der auf der Berlinale Premiere feierte, rückte ihn ins Zentrum der deutschen Filmszene. Darin erzählt er in verschachtelter Struktur von drei jungen Muslimen in Berlin, die zwischen Religion, Schuld und individueller Freiheit gefangen sind. Der große Durchbruch gelang Qurbani 2020 mit „Berlin Alexanderplatz“, einer ebenso radikalen wie ambitionierten Neuverfilmung des gleichnamigen Romans von Alfred Döblin.
In seiner über drei Stunden langen Adaption versetzte Qurbani die Geschichte des gefallenen Franz Biberkopf in die Gegenwart und besetzte die Hauptrolle mit Welket Bungué als geflüchtetem Schwarzafrikaner Francis, der in der Berliner Unterwelt strandet. Der Film feierte im Wettbewerb der Berlinale Premiere und wurde mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit fünf Deutschen Filmpreisen. Mit diesem Film etablierte sich Qurbani als Regisseur, der zwischen Gesellschaftskritik und stilisierter Inszenierung balanciert. Fünf Jahre nach „Berlin Alexanderplatz“ wendet sich Qurbani nun einem weiteren großen Klassiker zu: William Shakespeares „Richard III.“.
Darum geht es:
Rashida ist Tochter, Schwester – doch nie Königin. Inmitten eines brutalen Machtkampfs zweier Clanfamilien im heutigen Berlin will sie mehr: herrschen, statt gehorchen. Um die Krone zu erreichen, muss sie verführen, verraten, töten. Doch auf dem Höhepunkt ihrer Macht holen sie die Schatten ihrer Vergangenheit ein – Erinnerungen an Krieg, Verlust und die Einsamkeit eines zerstörten Inneren. Kann eine Frau, die alles opfert, wirklich gewinnen – oder bleibt am Ende nur ein Reich aus Staub und Schuld?
Die Rezension:
Burhan Qurbanis neuer Film nimmt sich William Shakespeares „Richard III.“ als Ausgangspunkt, um in einer hybriden Form aus Theater und Film viele moderne Themen zu verhandeln. Dabei ist „Kein Tier. So Wild.“ ein stilistisch komplexer, in seiner Form ambivalenter Film, der mit eindrucksvoller Theatralik, expressiver Bildsprache und klarem politischen Interesse aufwartet – sich aber zugleich in seinem eigenen konzeptionellen Überbau immer wieder zu verlieren droht. Das mit der preisgekrönten Essayistin und Dramatikerin Enis Maci entwickelte Textbuch bleibt einerseits der Sprache von Shakespeare treu, entfesselt immer die Wucht der Vorlage, kann sich aber zu keinem Zeitpunkt homogen in die filmische Struktur übertragen lassen. Vor allem ist es nicht gelungen, die Originalverse mit moderner Sprache und derben Ausdrücken aufzufrischen. Die Einwürfe wirken deplatziert, reißen immer wieder aus dem pathetischen Shakespeare-Duktus heraus, wirken inhaltlich unbegründet und lassen offen, welchem gestalterischen Konzept sie folgen sollen – zumal sie keine erkennbare eigene Tonalität etablieren, sondern vor allem irritieren.

Die Entscheidung, Richard als Rashida zu inszenieren und die Geschlechterverhältnisse umzudrehen, erweitert die Perspektive auf die Machtdynamik des zugrunde liegenden Theaterstücks um eine explizit feministische Komponente, ohne jedoch in einen agitatorischen Tonfall zu verfallen. Vielmehr wird Rashidas Rolle im männlich dominierten Clanmilieu zum Spiegel gesellschaftlich verankerter Ausschlussmechanismen, die nicht allein auf patriarchale Strukturen, sondern auf kulturelle und religiöse Machtgefüge verweisen. Dass ihre physische Missbildung, wie sie im Originaltext verhandelt wird, durch die symbolische Abweichung vom männlichen Machtmodell ersetzt wird, verlagert das Drama vom Körperlichen ins Soziopolitische. Rashida ist keine Identifikationsfigur, sondern Projektionsfläche für eine systemische Fehlstruktur: Ihre Brutalität wird nicht psychologisch motiviert, sondern dramaturgisch als Konsequenz der ihr verwehrten Anerkennung verhandelt.
Rashidas Transformation vom unterdrückten Schattenwesen zur machtvoll herrschenden Tyrannin folgt keiner klassischen Heldenreise, sondern einer kalten, fast nihilistischen Logik der Verdrängung. Dabei lebt der Film in weiten Teilen von seiner Hauptdarstellerin Kenda Hmeidan, die Rashida mit einer Mischung aus verletzlicher Entschlossenheit und eiskaltem Kalkül verkörpert. Ihre Mimik, ihre Gestik, ihr lauernder Blick lassen Rashida zur Verkörperung einer Figur werden, die sich ihre Machtposition gegen alle Widerstände erkämpft, jedoch am eigenen Ehrgeiz und Wahnsinn zu zerbrechen droht. Ihr Zusammenspiel mit Verena Altenberger als intrigante Gegenspielerin verleiht den Szenen zusätzliche Wucht, auch wenn die Figurenkonstellationen insgesamt oft zu schnell gewechselt werden, um ihnen die nötige Tiefe zu geben. Die Entscheidung, die Geschichte in die Unterwelt Neuköllns zu verlegen, geht jedoch nicht wirklich auf.
Anders als in „Berlin Alexanderplatz“, wo die Stadt selbst zur strukturellen Bühne wurde, verbleibt „Kein Tier. So Wild.“ in austauschbaren, stilisierten Kulissen, die das Konzept der Vergegenwärtigung wenig unterstützen und den Film tendenziell ins Allegorische verschieben. Während der Film anfangs die Neuköllner Clan-Realität als Folie für die Konflikte etabliert, verliert sich dieses Milieu zunehmend in austauschbaren Schauplätzen. Statt das urbane Berlin naturalistisch einzufangen, dominiert eine überhöhte, fast zeit- und ortlose Ästhetik, die stark an Bühnenbilder erinnert. Visuell setzt Kameramann Yoshi Heimrath auf eine düstere, fast klinische Ästhetik, die den Film zugleich modern und entrückt wirken lässt. Die oft harte, rhythmisch wuchtige musikalische Untermalung von Dascha Dauenhauer verstärkt die düstere Grundstimmung.

Die narrative Überfrachtung mit Themen wie Migration, Flucht, Geschlechtergerechtigkeit, Kriegstraumata, religiöser Identität und familiärer Gewalt lässt zwar das thematische Spektrum des Films beachtlich erscheinen, führt jedoch auch dazu, dass zentrale Konfliktlinien verwässern. Gerade weil die Geschichte so viele Konfliktfelder simultan aufmacht, fehlt es mitunter an dramaturgischer Stringenz. Die episodische Struktur der fünf Akte mit Titelkarten bietet zwar Orientierung, kann die inhaltliche Überladung jedoch nur bedingt ordnen. Vieles wird angedeutet, wenig stringent durchdrungen. Der Film will viel, vielleicht zu viel, und verliert so mitunter die Fokussierung auf seine stärksten Momente: die Machtpsychologie seiner Hauptfigur und die strukturelle Analyse ihrer Welt. „Kein Tier. So Wild.“ lebt von der Kraft einzelner Szenen, der Wucht stilisierter Bilder und einer Hauptfigur, die durch die Exzesse ihrer Darstellung nie zur bloßen Täterin, aber auch nie zur Heldin wird. Der Film argumentiert nicht, er konfrontiert – mit Fragmenten einer Gesellschaft, die sich in archaischen Machtkämpfen erschöpft, und mit einer Sprache, die zugleich distanziert und aufgeladen wirkt.
Fazit:
Burhan Qurbanis „Kein Tier. So Wild.“ ist ein stilistisch überbordendes, thematisch überfrachtetes Theater-Film-Hybrid, das Shakespeares Machtparabel in eine düster abstrahierte Clanwelt verlegt – kraftvoll getragen von Kenda Hmeidan.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 8. Mai 2025 im Kino.
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Weitere Informationen zu „Kein Tier. So Wild.“:
Genre: Drama
Laufzeit: 142 Minuten
Altersfreigabe: FSK 16
Regie: Burhan Qurbani
Drehbuch: Burhan Qurbani und Enis Maci
Besetzung: Kenda Hmeidan, Verena Altenberger, Hiam Abbass und viele mehr ...
Trailer zu „Kein Tier. So Wild.“:





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