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Kritik zu „Leere Netze“: Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Aktualisiert: 14. Jan.

„Leere Netze“ ist das Spielfilmdebüt von Behrooz Karamizade, das die Hoffnungen und Ängste junger Menschen im heutigen Iran zwischen Freiheitssehnsucht und lebensgefährlichen Fluchtbewegungen porträtiert. 2021 wurde die Textvorlage bereits für das beste unverfilmte Drehbuch ausgezeichnet. Doch wie gelang die Umsetzung auf die große Leinwand und ist ein Kinobesuch empfehlenswert?


Bildnachweis: © Hamid Janipour / Port au Prince Pictures


Der Kasseler Filmemacher Behrooz Karamizade bringt mit seinem ersten Langspielfilm „Leere Netze“ ein Thema auf die große Leinwand, das nicht nur geografisch, sondern auch emotional und sozial weit entfernt von Deutschland liegt, doch nicht weniger relevant ist. Der moderne Iran steht vor einer Reihe gewaltiger Herausforderungen, die die Lebensqualität und Zukunftsaussichten seiner Jugend erheblich beeinträchtigen.


Während Karamizade in einer Recherchereise tief in die Welt der Fischer am Kaspischen Meer eintauchte, bot ihm diese Reise einen authentischen Einblick in die harten Lebensbedingungen und die Träume einer Generation, die mit wirtschaftlichen, sozialen und politischen Unwägbarkeiten konfrontiert ist. Ein Blick auf die aktuellen Statistiken und Daten des Iran enthüllen ein komplexes Bild: Trotz reichhaltiger natürlicher Ressourcen und einer tief verwurzelten Kultur hat das Land mit erheblichen wirtschaftlichen Rückschlägen zu kämpfen. Arbeitslosigkeit, insbesondere unter der jungen Bevölkerung und eine alarmierende Inflationsrate zehren an der Hoffnung vieler.


Bildnachweis: © Hamid Janipour / Port au Prince Pictures


Doch es sind nicht nur wirtschaftliche Faktoren, die die Stimmung im Iran prägen. Die politische Landschaft ist von Meinungseinschränkungen, Menschenrechtsverletzungen und Repressionen geprägt, die das Vertrauen vieler junger Menschen in die etablierten Strukturen erschüttert haben. Dieses Klima der Unsicherheit und Repression hat dazu geführt, dass zahlreiche junge Iranerinnen und Iraner ihre Heimat verlassen, auf der Suche nach Bildung, Arbeit und vor allem nach einer Perspektive für eine bessere Zukunft. Inmitten dieser komplexen und oft düsteren Realität setzt „Leere Netze“ an und verspricht, die Geschichten dieser Menschen aus erster Hand zu erzählen. Behrooz Karamizade möchte nicht nur über sie berichten, sondern ihre Erzählungen und Erfahrungen in den Mittelpunkt stellen.


Darum geht es:


Amir schwimmt im rauen Meer, während Narges ihn besorgt vom iranischen Ufer aus beobachtet. Ihre heimliche Liebe wird durch streng konservative Normen und Traditionen des Iran erschwert. Um Narges zu heiraten, benötigt Amir ein Brautgeld, das er nicht aufbringen kann. Arbeitslos und unter Druck, schließt er sich einer harten Fischercrew an. Doch bald gerät er in ein Netz aus illegalen Machenschaften, das seine Beziehung zu Narges und seine Moral auf die Probe stellt. In einer Welt voller Geheimnisse und Gefahren sind die Grenzen von Liebe und Loyalität ungewiss …


Die Rezension:


Inmitten der stürmischen See des Lebens setzt „Leere Netze“ einen jungen, naiven Protagonisten namens Amir ins Zentrum, der inmitten der überwältigenden Wogen der Realität zu kämpfen hat. Regisseur Behrooz Karamizade taucht tief in das Leben der jungen Generation im zeitgenössischen Iran ein und erzählt dabei eine Geschichte, die sowohl individuell als auch universell ist.


Bildnachweis: © Hamid Janipour / Port au Prince Pictures


Visuell beeindruckend beginnt der Film mit einem faszinierenden Blick auf die scheinbare Unschuld Amirs, der glückselig durch das Meer schwimmt. Doch dieser anfängliche Optimismus wird rasch von den dunklen, rauen Strömungen der Realität überwältigt. Der Weg von Hell zu Dunkel wird nicht nur in der Bildsprache des Films, sondern auch in Amirs persönlicher Reise deutlich. Er, einst ein hoffnungsvoller Schwimmer, findet sich bald in einem Meer aus Unsicherheiten und Herausforderungen wieder, die ihn in einem Netz ohne Ausweg einschnüren.


Amirs Begegnung mit Omid, einem systemkritischen Journalisten, verleiht dem Film eine zusätzliche Tiefe. Omid, der über das Meer fliehen muss, verkörpert die Verzweiflung und das Streben nach Freiheit. Der ständige Kontrast zwischen dem idyllischen Meer und seiner zunehmend bedrohlichen Präsenz spiegelt die schmerzliche Realität wider, der sich die Figuren des Films stellen müssen.


Bildnachweis: © Hamid Janipour / Port au Prince Pictures


Die sozialen und politischen Untertöne des Films sind ebenso prägnant. Karamizade wirft einen kritischen Blick auf die Ungleichheiten und Korruption, die das Leben im Iran prägen. Durch sorgfältig komponierte Einstellungen und eine kalte, trübe Farbpalette schafft er eine Atmosphäre der Beklemmung und Hoffnungslosigkeit, die den Zuschauer in die Erzählung zieht. Die Schauspielenden leisten beeindruckende Arbeit, insbesondere Hamid Reza Abbasi als Amir. Seine Transformation von einem unbeschwerten jungen Mann zu einem von Selbstzweifeln geplagten Kriminellen ist sowohl herzzerreißend als auch sehr lebensnah. Pantea Panahiha, die Amirs alleinerziehende Mutter verkörpert, bietet eine weitere bemerkenswerte Leistung und verleiht der Geschichte Tiefe und Emotion, da sie alles geben würde, um ihrem Sohn in den unsteten Zeiten zu helfen.


Ein weiteres bemerkenswertes Element des Films ist seine Fähigkeit, subtile Botschaften und Symbole in Metaphern einzubinden, die weder plakativ noch kitschig werden. Ob es sich um Geldscheine, die den ständigen Kampf ums Überleben symbolisieren, oder um die Leere und Hoffnungslosigkeit, die durch unvollendete Bauruinen dargestellt werden, handelt, spricht „Leere Netze“ viele Facetten des Lebens im Iran an, ohne sie jedoch zu vertiefen.


Bildnachweis: © Hamid Janipour / Port au Prince Pictures


Die größtenteils minimalistische, jedoch stellenweise äußerst intensive musikalische Untermalung ergänzt das Ambiente dieser visuellen Erzählung perfekt. Sie verstärkt die Emotionen und schafft eine Atmosphäre, die den Zuschauer tief in die Welt von „Leere Netze“ eintauchen lässt. Trotz einiger vorhersehbarer Elemente in der Handlung bleibt der Film ein kraftvolles und bewegendes Drama, das die Schwierigkeiten und Herausforderungen der jungen Generation im Iran auf eindringliche Weise darstellt. Karamizade hat mit diesem Film ein beeindruckendes Werk geschaffen, das eine wichtige Reflexion über die Realitäten des Lebens im zeitgenössischen Iran auf die große Kinoleinwand bringt.


Fazit:


Behrooz Karamizade gelingt es, eine eindringliche Geschichte von Liebe, Verlust und Hoffnung zu erzählen. Während der Film die Herausforderungen und Schwierigkeiten der jungen Generation im Iran aufzeigt, bleibt er doch bei seiner Kernbotschaft: Die menschliche Resilienz und das Streben nach einem besseren Leben, selbst wenn die Chancen gegen einen stehen.


7 von 10 Punkten


>>> STARTTERMIN: Ab dem 18. Januar 2024 im Kino


Weitere Informationen zu „Leere Netze“:

Genre: Drama

Produktionsjahr: 2023

Laufzeit: 101 Minuten

Altersfreigabe: FSK 12


Regie: Behrooz Karamizade

Drehbuch: Behrooz Karamizade

Besetzung: Hamid Reza Abbasi, Sadaf Asgari, Keyvan Mohamadi, Pantea Panahiha und viele mehr ...


Trailer zu „Leere Netze“:


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