Kritik zu „Lilo & Stitch“: Zwischen Geschwisterliebe und Alien-Chaos
- Toni Schindele

- 22. Mai 2025
- 3 Min. Lesezeit
Disney weckt einmal mehr die Nostalgie im Kino und hat mit dem neuesten Live-Action-Remake „Lilo & Stitch“ einen Zeichentrickfilm verfilmt, in dem hawaiianische Idylle auf chaotische Aliens trifft.

Seit einem Jahrzehnt verlegt sich Disney zunehmend darauf, das eigene Animationsarchiv in aufwändige Live-Action-Realfilme zu überführen – ein Geschäftsmodell, das trotz Milliardenumsätzen zuletzt erste Risse zeigt. Erst dieses Jahr zeigte das an den Kinokassen gefloppte „Schneewittchen“-Remake, dass Nostalgie nicht automatisch Kassenmagie bedeutet. Inmitten der anhaltenden Debatte um Sinn und Relevanz weiterer Neuauflagen bringt Disney nun ein weiteres Realfilm-Remake in die Kinos – allerdings von einem Zeichentrickfilm, der schon im Original als der etwas andere Disney-Film galt.
Darum geht es:
Auf Hawaii fühlt sich die sechsjährige Lilo trotz Palmen und Strand oft einsam – bis sie aus dem Tierheim den chaotischen Stitch mitbringt, dessen Herkunft mehr Fragen aufwirft als Antworten. Während ihre Schwester Nani mit Jobproblemen und dem strengen Jugendamt kämpft, beginnt für Lilo ein fantastisches Abenteuer.
Die Rezension:
Die von Dean Fleischer Camp inszenierte Live-Action-Neuauflage von „Lilo & Stitch“ bewegt sich bemüht zwischen nostalgischer Reverenz und vorsichtiger Neugestaltung, ohne dabei einen klaren, eigenständigen erzählerischen Ansatz zu entwickeln. Inhaltlich bleibt die Neuauflage sehr eng am Original orientiert, ohne jedoch die dramaturgische Präzision jenes Zeichentrickfilms erreichen. Der slapstickhafte Humor, der in der Vorlage noch eine organische Verspieltheit besaß, mutet hier häufig kalkuliert und weniger verspielt an. Die Grundbotschaft von Zusammenhalt, Familie und Vergebung bleibt intakt, doch der Film verpasst es, die emotionale Wucht und das anarchische Potential des Originals auf eine neue Ebene zu heben. Obwohl die Live-Action-Remake sein junges Zielpublikum sicher unterhält und in Teilen auch ältere Fans des Originals emotional abholen kann, liefert es am Ende keine überzeugenden Argumente, weshalb es überhaupt eine Neuauflage gebraucht hätte.

Der Film bleibt ein Disney-Remake unter vielen, das zwar mit Herz erzählt ist, aber letztlich nur einen schwachen Mehrwert gegenüber dem zugrundeliegenden Zeichentrickfilm bietet. Während Stitch in der Vorlage als albern chaotischer Unruhestifter mit überraschend viel emotionalem Tiefgang angelegt war, tendiert die Realverfilmung dazu, die Figur in eine austauschbare Slapstick-Rolle zu drängen. Für das Realfim-Remake wurde der außerirdische Stitch mithilfe moderner CGI-Technik zum Leben erweckt und technisch auch solide in die realen Kulissen integriert, jedoch bleibt seine künstliche Herkunft in vielen Szenen unübersehbar. Besonders dann, wenn er mit menschlichen Darstellern interagiert, wirkt die Koexistenz von animierter Figur und realem Raum häufig wie eine Kompromisslösung, die an der immersiven Kraft des Films kratzt.
Dafür wirkt die CGI-Version von Stitch etwas flauschiger und detaillierter als im Original-Zeichentrickfilm und behält auch seine charakteristischen großen Ohren, die markanten Augen und seine stupsige, freche Statur. Durch die realistischere Textur wirkt er wie eine Kreuzung aus einem exotischen Tier und einem Plüschtier – zugleich liebenswert und leicht unheimlich. Die beiden menschlichen Hauptfiguren, Lilo und Nani, werden erfreulicherweise stärker ausdifferenziert als noch in der Vorlage. Die junge Maia Kealoha verkörpert Lilo mit einer beachtlichen Präsenz, die das emotionale Zentrum des Films markiert. Ihre Darstellung der verletzlichen, zugleich widerspenstigen Sechsjährigen, die zwischen Wut, Trauer und kindlicher Neugier changiert, verleiht der Geschichte eine glaubwürdige Fallhöhe. Insbesondere auch Nani erhält als junge Frau mit realen Ängsten und Verantwortlichkeiten etwas mehr Tiefe, die dem Film eine gewisse Bodenhaftung verleiht.

Hier zeigt sich eine klare Stärke der Neuverfilmung: Die soziale Realität – Arbeitslosigkeit, Sorge um Krankenversicherung, der permanente Druck durch das Jugendamt – wird expliziter thematisiert. Diese Elemente schaffen einen realistischeren Rahmen, der die emotionale Entwicklung der Schwestern nachvollziehbar macht. Dieser Fokus auf die sozialen Belastungen des Erwachsenwerdens und der Verantwortungserwartungen trägt maßgeblich zur Bodenhaftung des Films bei. Auch die Darstellung von Hawaii selbst erweist sich als eine der Stärken der Produktion: Anstatt bloßer Postkartenkulisse wird die Insel zum gelebten Lebensraum – ein entscheidender Unterschied zur Trickfilmversion, die Hawaii eher als exotischen Spielplatz inszenierte. Drehorte auf Oahu und die Integration traditioneller Hula-Elemente sowie lokaler Musik unterstreichen diese Authentizität.
Fazit:
Disneys „Lilo & Stitch“-Remake pendelt zwischen Nostalgie und Realismus, bleibt aber trotz gelungener Hawaii-Atmosphäre und toller Besetzung von Lilo und Nani ein verhaltener Neuaufguss, dem es an erzählerischer Eigenständigkeit mangelt.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 22. Mai 2025 im Kino.
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Weitere Informationen zu „Lilo & Stitch“:
Genre: Abenteuer, Komödie, Familienfilm, Science-Fiction
Laufzeit: 108 Minuten
Altersfreigabe: FSK 6
Regie: Dean Fleischer Camp
Drehbuch: Chris K.T. Bright und Mike Van Waes
Besetzung: Chris Sanders, Maia Kealoha, Sydney Elizabeth Agudong und viele mehr ...
Trailer zu „Lilo & Stitch“:





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