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Kritik zu „Milch ins Feuer“: Ein Heimatfilm ohne Heile-Welt-Kulisse

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • 5. Aug. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Justine Bauers „Milch ins Feuer“ führt uns an einen Ort, den viele zu kennen glauben – den Bauernhof. Doch was hat das Sinnbild, das wir mit ihm verbinden, noch mit der Realität von heute zu tun?


Kritik zu „Milch ins Feuer“: Ein Heimatfilm ohne Heile-Welt-Kulisse
Bildnachweis: © Bauer Carnicer / Filmperlen

Wenn man Bauer heißt, auf einer Straußenfarm aufgewachsen ist und sich in seinem Debütfilm ausgerechnet mit dem bäuerlichen Leben beschäftigt, wirkt das fast wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Tatsächlich aber hat sich Justine Bauer lange dagegen gesträubt, dieses Setting für ihren Abschlussfilm an der KHM Köln zu wählen – zu groß seien die Vorurteile, zu starr das Bild vom Landleben im deutschen Film. Nun hat sie es doch getan und obendrein in hoherlohischer Mundart gedreht. Ist „Milch ins Feuer“ also doch ein klassischer Heimatfilm?


Darum geht es:


Ein Sommer auf dem Land: Drei Generationen von Bäuerinnen leben auf einem Hof, der wie so viele ums Überleben kämpft. Zwischen Traktoren, Tomaten und Träumen ringen sie um ihre Rolle, ihre Entscheidungen – und um den Erhalt eines Lebens, das langsam zu verschwinden droht.  Zwischen Erde und Erbe, Vergangenheit und Zukunft stellt sich die Frage: Kann man gegen die Zeit anackern oder ist der Wandel längst nicht mehr aufzuhalten?


Die Rezension:


Justine Bauers Langfilmdebüt „Milch ins Feuer“ ist ein Heimatfilm im besten Sinne des Wortes – nicht, weil er traditionelle oder sentimentale Bilder vom Landleben reproduziert, sondern weil er die Realität einer bäuerlichen Gegenwart ungeschönt und authentisch einfängt. Im eng gefassten 4:3-Format setzt die Kamera von Pedro konsequent auf Nahbarkeit und stellt so auch die Gesichter über die Landschaft. Die Bildsprache rahmt die Figuren in ihrer Umgebung, ohne sie zu verklären. Die Natur erscheint nicht als Zufluchtsort, sondern als Arbeits- und Lebensraum mit spürbaren Grenzen. Dadurch gelingt es Justine Bauer, eine gesellschaftliche Realität sichtbar zu machen, die häufig übersehen oder romantisch verklärt wird. Ihr Werk ist dabei weder Anklage noch Verklärung, sondern eine Zustandsbeschreibung – voller Widerhaken, aber auch voller Beobachtungsgabe. Es ist ein Film, der gesellschaftliche Fragen aufwirft, ohne sie auszuformulieren, und dabei die Rolle der Frau im ländlichen Raum neu zeigt, ohne sie zu idealisieren.


Kritik zu „Milch ins Feuer“: Ein Heimatfilm ohne Heile-Welt-Kulisse
Bildnachweis: © Bauer Carnicer / Filmperlen

Dabei hat „Milch ins Feuer“ keine klassische Dramaturgie, sondern setzt auf eine lose Reihung episodischer Alltagsmomente. Direkt die Entscheidung, fast ausschließlich mit Laiendarstellenden zu arbeiten, deren Herkunft, Sprache und Habitus sich unmittelbar mit dem Setting decken, stiftet eine Form von Authentizität. Die Großmutterrolle hat Justine Bauer mit der eigenen Oma besetzt, und die Schwestern wurden von echten Schwestern gespielt, die über eine regionale Zeitungsanzeige gecastet wurden. Doch dass die meisten der Darstellenden es zuvor nicht professionell taten und mit Johanna Wokalek die einzig gelernte Schauspielerin im Ensemble ist, fällt zu keinem Zeitpunkt auf. Vor allem hat die Arbeit mit Menschen auch ermöglicht, im Regionalen drehen zu können. Die hohenlohische Mundart, die ohne Untertitel bisweilen schwer verständlich ist, fungiert hier nicht nur als regionales Merkmal, sondern als Ausdruck gelebter Identität.


Der Regisseurin war sie ein persönliches Anliegen, denn sie empfindet es als Verlust, dass das Hochdeutsche den Dialekt zunehmend verdrängt – zumal Dialekte im deutschen Film selten vorkommen und wenn, dann meist nur zur Belustigung. Jedoch führen sowohl die Sprache als auch spannungsarme Dramaturgie dazu, dass „Milch ins Feuer“ eine gewisse Zugänglichkeitshürde haben kann. Inhaltlich bettet Bauer ihre Geschichte in eine strukturelle Realität ein, die weit über den einzelnen Hof hinausweist: den agrarpolitischen Wandel, das sogenannte Bauernsterben, die existenzielle Unsicherheit ländlicher Betriebe. Während Katinka zwischen familiärem Erbe und persönlichem Wunsch steht, verhandelt der Film zugleich die ökonomischen wie kulturellen Bedingungen, unter denen heutige Landwirtschaft stattfindet – und gefährdet ist. Denn der Rückgang der Zahl landwirtschaftlicher Betriebe in Deutschland ist dramatisch.


Kritik zu „Milch ins Feuer“: Ein Heimatfilm ohne Heile-Welt-Kulisse
Bildnachweis: © Bauer Carnicer / Filmperlen

Zwischen 2001 und 2023 sank die Anzahl um über 190.000 – insbesondere kleine und mittelständische Familienbetriebe sind betroffen. Einer der zentralen Faktoren ist die wirtschaftliche Ungleichheit innerhalb der Branche. Zwar liegt der durchschnittliche Gewinn eines Betriebs bei etwa 77.500 Euro im Jahr, doch diese Zahl verschleiert die realen Unterschiede: Während die untersten 25 Prozent der Betriebe teils weniger als 17.000 Euro pro Jahr erwirtschaften, kommen die obersten zehn Prozent auf Gewinne von über 140.000 Euro. Auch das mittlere Einkommen je Familienarbeitskraft liegt bei weniger als 41.000 Euro – ein Wert, der in Anbetracht der Arbeitsbelastung, des unternehmerischen Risikos und der Verantwortung vergleichsweise gering ist. Hinzu kommt, dass ein großer Teil des Einkommens aus Subventionen stammt – im Schnitt etwa 30 Prozent. Doch auch hier zeigen sich strukturelle Ungleichheiten: Die EU-Direktzahlungen orientieren sich primär an der Fläche, wodurch größere Betriebe deutlich stärker profitieren.


Neben der ökonomischen Schieflage belasten auch steigende Betriebskosten die Landwirtschaft. Preissprünge bei Energie, Düngemitteln und Maschinen, zunehmende Klimarisiken wie Dürreperioden und Starkregen sowie volatile Marktpreise sorgen für massive Unsicherheiten. Viele Betriebe berichten von einem Einkommensrückgang um fast 30 Prozent im Jahr 2023/24. Diese Entwicklung führt zu einer Konzentration der Agrarwirtschaft in der Hand weniger Großbetriebe, die zwar effizienter, aber auch entfremdeter arbeiten, oft losgelöst von regionaler Identität und nachhaltigen Praktiken. Zudem verschiebt „Milch ins Feuer“ die Blickachse auf das Landleben radikal. Nicht mehr der bäuerliche Mann als Symbol landwirtschaftlicher Autonomie steht im Zentrum, sondern die Frauen, die oft im Schatten der patriarchalen Besitz- und Erbfolgesysteme arbeiten, tragen hier den Film wie den Hofbetrieb. Die 17-jährige Katinka, überzeugend verkörpert von der jungen Laiendarstellerin Karolin Nothacker, steht exemplarisch für eine Generation, die zwischen familiärer Verantwortung, struktureller Benachteiligung und individueller Emanzipation aufgerieben wird.


Kritik zu „Milch ins Feuer“: Ein Heimatfilm ohne Heile-Welt-Kulisse
Bildnachweis: © Bauer Carnicer / Filmperlen

Dass ihr die landwirtschaftliche Zukunft verwehrt bleiben könnte, obwohl sie kompetent und engagiert ist, verdeutlicht das Fortwirken männlich dominierter Eigentumsverhältnisse. Der Hof ist – selbstverständlich – dem Bruder zugedacht, für Katinka bleibt der imperativ formulierte Wegzug. Doch Bauers Film deutet die patriarchalen Strukturen nicht an, um sie zu beklagen, sondern dokumentiert in erster Linie ihre Wirkmächtigkeit in beiläufigen Szenen. So heißt es in einer Szene: „Als Madl musch halt wegziehe.“ Dass Katinka nicht selbstverständlich als Nachfolgerin vorgesehen ist, dass ihre Mutter ihr einen Job im Einzelhandel nahelegt, obwohl sie selbst in der Landwirtschaft geblieben ist, verdeutlicht das Maß an Perspektivlosigkeit, das selbst innerhalb bäuerlicher Familien vorherrscht. Auffällig ist dabei auch, dass „Milch ins Feuer“ fast nur weibliche Figuren hat und Männer nur in Randfiguren auftauchen, was Justine Bauers erklärtermaßen Versuch war, mit den historisch männlich dominierten Perspektiven des Heimatfilms zu brechen. Stattdessen sind es Frauen – Großmutter, Mutter, Tochter –, die wir begleiten.


Fazit:


„Milch ins Feuer“ ist ein Heimatfilm fernab von Kitsch und Nostalgie. Justine Bauer erzählt unaufgeregt, aber eindringlich von weiblicher Verantwortung und strukturellen Ungleichheiten in der Landwirtschaft – mit präzisem Blick für die Realität.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 07. August 2025 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Milch ins Feuer“:

Genre: Drama

Laufzeit: 80 Minuten

Altersfreigabe: FSK 12


Regie: Justine Bauer

Drehbuch: Justine Bauer

Besetzung: Johanna Wokalek, Karolin Nothacker, Pauline Bullinger und viele mehr ...


Trailer zu „Milch ins Feuer“:


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