Kritik zu „Geister“: Fatih Akıns bildgewaltiger Tanz mit dem Tod

Kaum ein Regisseur hat Hamburg im Kino so viele unterschiedliche Gesichter gegeben wie Fatih Akın. Auch sein neuer Film „Geister“ spielt wieder in der Millionenstadt im Norden Deutschlands. Doch einmal mehr zeigt er die Hansestadt von einer anderen Seite.

Fatih Akin ist keiner, der sich auf einen einmal gefundenen Ton verlässt. Seine Filme können rau und aufwühlend sein, ausgelassen komisch oder von einer ganz eigenen Melancholie getragen. Angefangen hat alles in Hamburg, wo Akin 1973 als Sohn türkischer Einwanderer geboren wurde und später seine ersten Geschichten in den Straßen und Milieus der Stadt ansiedelte. Mit „Gegen die Wand“ gelang ihm 2004 der internationale Durchbruch: Das Drama gewann den Goldenen Bären der Berlinale, drei Jahre später erhielt „Auf der anderen Seite“ in Cannes den Preis für das beste Drehbuch. Doch statt sich auf dem Erfolg seines Autorenkinos auszuruhen, wechselte Akin immer wieder die Richtung.
Auf die turbulente Restaurantkomödie „Soul Kitchen“ folgten unter anderem das erschütternde Terror- und Rachedrama „Aus dem Nichts“, das Rapperporträt „Rheingold“ und zuletzt das historische Drama „Amrum“. Dass sich hinter diesen sehr unterschiedlichen Filmen derselbe Regisseur verbirgt, macht einen guten Teil seines Reizes aus. Bemerkenswert ist dabei auch, wie viele Menschen Akin mit seinen Filmen erreicht. „Soul Kitchen“ lockte rund 1,3 Millionen Zuschauer in die deutschen Kinos, „Rheingold“ überschritt die Millionengrenze, und selbst das vergleichsweise stille „Amrum“ brachte es 2025 auf mehr als 790.000 Kinobesuche. Damit war es der erfolgreichste Film des Jahres in den deutschen Programmkinos.

Solche Zahlen sind für einen Filmemacher, der sich weder einem Genre verschrieben hat noch konsequent auf massentaugliche Stoffe setzt, alles andere als selbstverständlich. Auch international ist Akin längst eine feste Größe, wurde unter anderem in Venedig ausgezeichnet und in die Academy of Motion Picture Arts and Sciences aufgenommen. Nun steht mit „Geister“ sein nächster Film an. Nach der Weltpremiere 2026 beim Filmfestival von San Sebastián und der Deutschlandpremiere beim Filmfest Hamburg kommt er regulär ins Kino. Bleibt die Frage, was Akin diesmal bereithält und ob sich der Kinobesuch lohnt.
Darum geht es:
Eine Begegnung hoch über den Dächern Hamburgs, eine Liebe auf den ersten Blick und eine gemeinsame Zukunft, die nur wenige Stunden später in der Elbe versinkt. Als Farasha bei einem Autounfall ums Leben kommt, bleibt Faris mit seiner Trauer und der Schuld zurück, selbst am Steuer gesessen zu haben. Doch nachts begegnet er ihr wieder, und in seinen Träumen können die beiden fortsetzen, was ihnen das Leben verwehrt hat. Allerdings hat das unverhoffte Wiedersehen einen Haken: Nur vierzig Tage bleiben Farasha, bevor sie endgültig ins Jenseits übergehen muss. Und mit jeder gemeinsamen Nacht rückt der Abschied näher. Wie soll Faris die Frau loslassen, die er gerade erst wiedergefunden hat?
Die Rezension:
Zu wissen, dass jemand tot ist, heißt nicht, dass man ihn auch schon loslassen kann. Manchmal ist die Sehnsucht so groß, dass sich sogar die Hoffnung hält, den geliebten Menschen doch noch zurückholen zu können. Um diese Verlockung kreist Fatih Akıns neuer Film „Geister“. Ausgangspunkt war eine Idee seines damals zehnjährigen Sohnes über zwei Jungen zwischen Diesseits und Schattenreich. Akın griff sie Mitte der 2010er-Jahre auf und überließ die Ausarbeitung des Drehbuchs Ruth Toma, mit der er bereits bei seinem dritten Spielfilm „Solino“ aus dem Jahr 2002 zusammengearbeitet hatte und die dafür mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet worden war. Aus dem zunächst als Kinderfilm gedachten Stoff entwickelten die beiden über mehr als zehn Jahre ein Melodram über Begehren, Trauer und einen Trost, der die Lebenden um ihr eigenes Leben bringen kann.

Nach dem für ihn ungewöhnlich ruhigen, von Hark Bohms Erinnerungen geprägten „Amrum“, in dem er seinem Verhältnis zum Deutschsein nachspürte, kehrt Akın mit „Geister“ zu den Konflikten zurück, die sein Kino seit Langem durchziehen: Menschen, die von Liebe, Sehnsucht oder dem Wunsch nach einem anderen Leben angetrieben werden und dabei immer wieder an ihre Grenzen geraten, manchmal auch darüber hinausgehen. In „Geister“ ist es die Sehnsucht nach einem verlorenen Menschen, die Faris an seine Grenzen treibt. Er kann nicht Abschied nehmen von dem, was ihm der Unfall entrissen hat. Doch in seinen Träumen scheint plötzlich möglich, was die Wirklichkeit verwehrt: im Jenseits wiederzufinden, was unwiederbringlich verloren ist, und es vielleicht sogar zurückzuholen.
Dass diese Geistergeschichte einem festen Regelwerk folgt, raubt dem Übernatürlichen zwar etwas von seinem Geheimnis, spitzt Faris’ Dilemma aber umso mehr zu: Um weiterleben zu können, muss er ausgerechnet das loslassen, woran er sich klammert. Darin liegt eine der stärksten Ideen von „Geister“: Das Übernatürliche gibt einer Erfahrung Gestalt, die sich kaum greifen lässt – dass ein Mensch im Leben bleiben und doch innerlich ganz in der Vergangenheit verloren sein kann. Die raue, mitunter aggressive Männlichkeit, die Akıns Kino immer wieder geprägt hat, sucht man bei Faris dabei vergebens. Eren M. Güvercin spielt ihn mit einer Verletzlichkeit, die sich nicht erst hinter einer harten Schale hervorkämpfen muss. Seine Gefühle liegen von Anfang an offen zutage. Selbst als romantische Hingabe in Obsession umschlägt, erscheint Faris weniger als Bedrohung für andere denn als jemand, der seinen eigenen Sehnsüchten ausgeliefert ist.

Diese Sehnsucht bekommt in Farasha ein Gesicht. Für ihre Rolle wollte Akın keine beliebige Schauspielerin, sondern eine junge Frau mit syrischen Wurzeln. Fündig wurde er in Mariam Dawoud, die aus Aleppo stammt, seit 2004 in Österreich lebt und bis dahin noch nie vor einer Kamera gestanden hatte. Gerade Dawoud steht allerdings vor einer schwierigen Aufgabe: Der Film lässt dem Paar kaum Zeit, seine Liebe zu entfalten, bevor es wieder getrennt wird. Dawoud muss diese Liebe deshalb weniger durch eine gemeinsame Geschichte als durch ihr eigenes Spiel glaubhaft machen. Das gelingt ihr vor allem in den stilleren Momenten, wenn sich in ihren Blicken Zuneigung, Ungeduld und die Angst vor dem endgültigen Verlust überlagern.
Zugleich verleiht sie Farasha einen Eigensinn, der die Figur davor bewahrt, bloß zur Projektionsfläche für Faris’ Sehnsucht zu werden. Allerdings stößt auch Dawoud an die Grenzen einer Erzählweise, die ihrer Figur nur wenig Raum zur Entfaltung lässt. Akın überspringt das langsame Entstehen von Intimität und vertraut stattdessen auf Blicke, körperliche Nähe und die Ausstrahlung seiner Darsteller. Das gibt der Geschichte Schwung, verlangt aber auch, dass man den beiden ihre große Liebe fast vom ersten Moment an abnimmt. Wo das gelingt, gewinnt Faris’ Trauer an emotionaler Wucht; andernorts bleibt Farasha eher die Verkörperung einer verlorenen Möglichkeit.

Dass Akın mit „Geister“ nach Hamburg zurückkehrt, überrascht kaum. Seit fast drei Jahrzehnten erkundet er die Stadt aus wechselnden Blickwinkeln: als migrantisch geprägtes Gangstermilieu in „Kurz und schmerzlos“, als widersprüchliche Heimat in „Soul Kitchen“, als Schauplatz von Trauer und rechter Gewalt in „Aus dem Nichts“ oder als düstere Kneipenwelt in „Der Goldene Handschuh“. Nun verwandelt sich Hamburg in eine Zwischenebene, in der Vergangenheit und Gegenwart ebenso ineinanderfließen wie die Welt der Lebenden und der Toten. Als Vorbild für „Geister“ nennt Akın Hitchcocks Psychothriller „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“, in dem San Francisco die Besessenheit der Hauptfigur widerspiegelt.
Eine wichtige Funktion übernimmt hier der Heinrich-Hertz-Turm. Immer wieder ragt der sogenannte Telemichel ins Bild, ein vertrauter Orientierungspunkt in einer Stadt, die Faris zunehmend fremd wird. Während der Turm unverrückbar an seinem Platz bleibt, verliert Faris zwischen den Welten immer mehr den Boden unter den Füßen. Zugleich verdichten sich an diesem Ort seine Erinnerungen, bis der Film schließlich alles wieder zu einem nervenaufreibenden wie spektakulären Showdown zusammenführt. Dieses Ineinander von Erinnerung und Gegenwart spiegelt sich auch in der Bildsprache wider. Erstmals arbeitete er mit Frank Griebe zusammen, nachdem sein langjähriger Kameramann Rainer Klausmann nach „Rheingold“ aufgehört hatte und bei „Amrum“ Karl Walter Lindenlaub die Kamera übernommen hatte.

Leuchtende Farben, sorgfältig komponierte Räume und ungewöhnliche Perspektiven lassen Hamburg hier zugleich vertraut und unwirklich erscheinen, als hätte sich Faris’ Gefühlswelt in die Straßen und Häuser eingeschrieben. Auch die Musik passt zu dieser Mischung aus Vertrautem und Unwirklichem: Malakoff Kowalskis Kompositionen erinnern an die großen Gefühle klassischer Melodramen, während die Jugglerz und die Sängerin Aya Samra zeitgenössische Einflüsse einbringen. So verbindet Akın das heutige Hamburg mit einer beinahe altmodischen Vorstellung romantischer Liebe, deren Schönheit stets von der Gefahr überschattet bleibt, sich in ihr zu verlieren.
Fazit:
In „Geister“ lässt Fatih Akın die Grenzen zwischen Liebe und Besessenheit, Erinnerung und Wirklichkeit verschwimmen. Was der überhastet erzählten Romanze bisweilen an emotionaler Tiefe fehlt, fangen Eren M. Güvercin und Mariam Dawoud mit ihrem nuancierten Spiel auf, während Frank Griebes eindringliche Bilder der Sehnsucht nach dem Unwiederbringlichen eine ebenso betörende wie beklemmende Gestalt verleihen.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 5. November 2026 im Kino.
Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!
Weitere Informationen zu „Geister“:
Genre: Drama
Laufzeit: 106 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12
Regie: Fatih Akın
Drehbuch: Ruth Toma
Besetzung: Eren M. Güvercin, Mariam Dawoud, Gabriel-Winner Amorin und viele mehr ...
Trailer zu „Geister“:





Kommentare