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Kritik zu „Night Stage“: Queerer Noir aus Brasilien

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • 25. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

Zwischen Bühne und Politik, Begehren und öffentlichem Bild verspricht der neue Film von Filipe Matzembacher und Marcio Reolon einen Thriller mit queerer Perspektive. Lohnt sich für „Night Stage“ der Gang ins Kino?


Zwei Männer hocken sich gegenüber in neonblau-rotem Licht und blicken sich angespannt an – Szene aus „Night Stage“.
Bildnachweis: © Salzgeber

Bereits vor rund einem Jahr war „Night Stage“ im Rahmen der 75. Berlinale zu sehen, wo der Film in der Sektion Panorama lief. Bis zum regulären Kinostart dauerte es nun jedoch noch ein weiteres Jahr. Der Filmverleih Salzgeber hat sich die Rechte an der neuen Zusammenarbeit von Filipe Matzembacher und Marcio Reolon gesichert und bringt den Film nun in die Kinos. Die beiden aus dem brasilianischen Porto Alegre stammenden Filmemacher haben ihr neues Werk in ihrer Heimatstadt angesiedelt und sich vorgenommen, einen Erotik-Thriller ganz im Stil des Noir-Genres zu entwickeln.


Darum geht es:


In der pulsierenden Millionenstadt Porto Alegre kämpft der ehrgeizige Schauspieler Matias um die Hauptrolle seines Lebens. Zusammen mit Fabio, mit dem er sich nicht nur eine Wohnung teilt, sondern mit dem er auch gemeinsam einer dort ansässigen Theatergruppe angehört, konkurriert er um eine angesehene Rolle in einer TV-Serie, die großen Ruhm verheißt. Doch während er für den Durchbruch seine eigene Wahrheit verleugnen soll, beginnt er eine geheime Affäre mit dem aufstrebenden Politiker Rafael. Sowohl für den Bürgermeisterkandidaten als auch für den aufstrebenden Schauspieler ist es absolut entscheidend, dass ihre Beziehung nicht an die Öffentlichkeit kommt. Was als verbotene Anziehung beginnt, entwickelt sich daher schnell zu einem gefährlichen Doppelleben. Doch wie lange lässt sich dieses Maskenspiel aufrechterhalten, wenn jede Begegnung alles zerstören könnte?


Die Rezension:


In ihrem dritten gemeinsamen Spielfilm versuchen Filipe Matzembacher und Marcio Reolon, vertraute Genremechanismen durch eine queere Perspektive neu aufzuladen. Im Mittelpunkt steht dabei eine immer weiter eskalierende Beziehung, die sich schrittweise zu einem gefährlichen Geflecht aus Macht, Lust und öffentlichem Selbstbild entwickelt. Beide Hauptfiguren eint daher, dass sie nach außen etwas vorgeben müssen, was sie eigentlich gar nicht sind. Doch auch wenn dieser Umstand einmal direkt angesprochen wird, interessiert sich „Night Stage“ kaum für das Innenleben seiner Figuren – stattdessen kreist der Film von Anfang bis Ende um seine eigenen Bilder. So geht es weniger um die Frage, was man zu opfern bereit ist, als um das simple Umkreisen der Fragestellung.


Zwei Männer stehen sich in einem intensiven Moment gegenüber, Nahaufnahme ihrer Gesichter in kühlem Licht – Szene aus „Night Stage“.
Bildnachweis: © Salzgeber

Auch die Frage, ob der exhibitionistische Impuls der Figuren aus einem Wunsch nach Selbstoffenbarung oder aus der Suche nach immer stärkeren Reizen resultiert, beantwortet der Film nicht. So bleiben die Figuren in ihren Motivationen weitgehend vage und ihre Entscheidungen erscheinen zunehmend weniger plausibel, je weiter sich die Handlung zuspitzt. Besonders im Finale driftet die Erzählung in eine Übersteigerung, die zwar die augenscheinlich intendierte Parabel deutlich macht, dabei jedoch zunehmend an Glaubwürdigkeit einbüßt. Gerade die Thriller-Elemente verfehlen ihre Wirkung, weil sie das Drehbuch in erwartbare Muster drängen: Der eifersüchtige Konkurrent und die daraus resultierende Erpressung treiben die Handlung zwar voran, führen sie jedoch zugleich weg von ihrer eigentlichen Stärke – der originellen Ausgangslage.


Ein zentraler Bestandteil der Inszenierung ist die starke metaphorische Aufladung der Handlung. Insbesondere das Theatermilieu, in dem Matias agiert, wird als Spiegelraum für Identitätskonstruktionen und performative Selbstentwürfe genutzt. Hier wie auch an anderen Stellen wird man das Gefühl nicht los, dass im Drehbuch so lange gebogen und gezerrt wurde, bis alles in das gewollte Metapher-Korsett passt – wodurch die Darstellung des Theatermilieus stark vereinfacht und klischeehaft wirkt. Proben erscheinen weniger als strukturierte künstlerische Prozesse, sondern vielmehr als diffuse Räume der Selbstentfaltung, was nicht nur die Glaubwürdigkeit unterminiert, sondern zugleich eine implizite Hierarchisierung zwischen Film und Theater erzeugt, zumal die Theaterbühne in „Night Stage“ ohnehin nur als Sprungbrett für eine Rolle in einer groß produzierten TV-Serie dient.


Doch so wenig clever die Ausarbeitung der Prämisse wirkt, so wirkungsvoll sind jedoch immer wieder die Bilder, mit denen der Film ans Geschehen fesselt. Filipe Matzembacher und Marcio Reolon spielen dafür die Verführungskraft ihrer Bilder voll aus und nutzen insbesondere die Farbgestaltung, um die Szenen stärker auszukosten. Satte Farben prägen daher die Ästhetik des Films. Vor allem ist Luciana Baseggios Kameraführung auch spürbar auf die inneren Spannungen der Geschichte ausgerichtet. Körper, Räume und Bewegungen werden mit einer visuellen Treffsicherheit inszeniert, dass der Film stellenweise zu einem sehr sinnlichen Erlebnis wird.


Ein Mann in roter Jacke beugt sich konzentriert nach vorne, warm ausgeleuchtet in einem Innenraum – Szene aus „Night Stage“.
Bildnachweis: © Salzgeber

Weit gefasste, neongetränkte Stadtbilder etablieren dabei eine Atmosphäre der Künstlichkeit und Entfremdung, während enge, fast invasive Nahaufnahmen die körperliche Präsenz der Figuren betonen. Besonders in den intimen Szenen entsteht eine rhythmische Bildsprache, die vor allem auf Intensität zielt und damit den körperlichen Impuls der Figuren visuell übersetzt. Die musikalische Untermalung von Charles Tixier, Arthur Decloedt und Thiago Pethit verbindet das Geschehen mit einem Hybrid aus treibenden Synthesizerklängen und sentimentalen Streichern, während der Schnitt von Germano de Oliveira dafür sorgt, dass die Inszenierung über die knapp zwei Stunden lange Laufzeit eine gewisse Sogwirkung entfaltet.


Fazit:


Als sinnlich-erotisch inszeniertes Beziehungs- und Machtspiel visuell intensiv, bleibt der neue Film von Filipe Matzembacher und Marcio Reolon inhaltlich jedoch recht dünn: Vage Figurenmotivationen, schwindende Glaubwürdigkeit und konventionelle Thriller-Elemente lassen „Night Stage“ letztlich zur generischen Kost werden, die aus ihrer queeren Prämisse wenig herausholt und lieber eskaliert als erklärt.

>>> STARTTERMIN: Ab dem 26. Februar 2026 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Night Stage“:

Genre: Drama, Erotik-Thriller

Laufzeit: 119 Minuten

Altersfreigabe: FSK 16


Regie: Filipe Matzembacher und Marcio Reolon

Drehbuch: Filipe Matzembacher und Marcio Reolon

Besetzung: Gabriel Faryas, Cirillo Luna, Henrique Barreira und viele mehr ...


Trailer zu „Night Stage“:


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