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Kritik zu „Once Upon a Time in Gaza“: Ein ungewöhnlicher Blick auf einen Ort hinter den Schlagzeilen

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • 11. Feb.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Manche Orte existieren im kollektiven Bewusstsein vor allem als Nachrichtenbild. Gaza ist einer davon. Mit „Once Upon a Time in Gaza“ kommt nun ein Film ins Kino, der den Ort aus einer Perspektive zeigt, die auf der großen Leinwand nur selten zu sehen ist.


Szene aus „Once Upon a Time in Gaza“: Osama und Yahya sitzen in einem Auto.
Bildnachweis: © IMMERGUTEFILME Filmdistribution

Seit Jahren erzählen Arab und Tarzan Nasser Geschichten aus Gaza. Die in der Küstenregion geborenen Regie-Zwillinge machten mit Filmen wie „Dégradé“ und „Gaza Mon Amour“ international auf sich aufmerksam und wurden zu festen Größen auf den großen Filmfestivals. Mit „Once Upon a Time in Gaza“ legen sie nun ihren bislang ambitioniertesten Spielfilm vor. Da eine Produktion vor Ort nicht möglich war, entstand der Film in Jordanien, wo die Brüder ihre Heimat anhand eigener Erinnerungen und Erfahrungen nachbildeten. Nach seiner Premiere bei den Filmfestspielen von Cannes startet der Film nun in den deutschen Kinos.


Darum geht es:


Im Gaza des Jahres 2007 träumt der junge Yahya von einer besseren Zukunft, als er gemeinsam mit dem charismatischen Kleinkriminellen Osama in ein riskantes Drogengeschäft gerät. Zwischen korrupten Polizisten, absurden Machtspielen und den Zwängen des Alltags kämpfen die beiden um Freiheit, Freundschaft und ihre Träume. Jahre später findet sich Yahya plötzlich inmitten eines Actionfilms wieder, dessen Inszenierung und Realität auf beunruhigende Weise miteinander verschmelzen. Doch wo endet das Kino – und wo beginnt das echte Leben?


Die Rezension:


„Es war einmal“ – kaum drei Worte tragen so viele Bedeutungen in sich. Seit Jahrhunderten bilden sie den Beginn einer Geschichte, die uns aus dem Alltag herausführt und in eine andere Welt versetzt. Auch im Kino hat sich diese Formel längst verselbstständigt. Von den Werken des italienischen Regisseurs Sergio Leone bis zu Quentin Tarantino taucht „Once Upon a Time“ immer wieder in Filmtiteln auf und verspricht große Geschichten über Menschen, Orte und Epochen. Wenn dieses „Es war einmal“ jedoch nicht im Wilden Westen, in Hollywood oder Amerika spielt, sondern in Gaza, entsteht sofort eine außergewöhnliche Ausgangslage. Denn Gaza ist kein mythischer Ort, sondern ein Name, der für viele derzeit untrennbar mit Nachrichtenbildern und politischen Debatten verbunden ist. Dabei versucht „Once Upon a Time in Gaza“ etwas, das im internationalen Kino nur selten geschieht: Er zeigt Gaza nicht ausschließlich als Ort des Leids.


Szene aus „Once Upon a Time in Gaza“: Zwei Männer sprechen nachts an einer Imbiss-Theke.
Bildnachweis: © IMMERGUTEFILME Filmdistribution

Der Film blendet die politischen Realitäten keineswegs aus, weigert sich aber zugleich, seine Figuren allein über diese Realitäten zu definieren. Stattdessen begegnen wir Menschen mit Humor, Widersprüchen, Träumen und Eigenheiten. So macht der Film eindrucksvoll deutlich, dass sich Politik in Gaza nie vollständig ausblenden lässt. Sie steckt in Gesprächen, in den Straßen, in den Nachrichten und sogar in den Gegenständen des Alltags. Die Figuren mögen versuchen, ihr Leben unabhängig davon zu führen – entkommen können sie den politischen Realitäten jedoch nicht. Besonders interessant ist dabei die Entscheidung, Gaza als eine Art modernen Western zu inszenieren. Die Nasser-Brüder übertragen klassische Genre-Motive in eine völlig andere Umgebung.


Denn hier gibt es keine endlosen Prärien, sondern eine Region, deren Bewohner von politischen, wirtschaftlichen und militärischen Grenzen abgeschnitten sind. In seiner ersten Hälfte entwickelt der Film daraus zunächst eine Gangstergeschichte. Zwei Freunde versuchen, in einem Umfeld zu überleben, das ihnen nur wenige Chancen bietet. Immer wieder blitzen dabei Träume von einem besseren Leben auf. Doch diese Hoffnungen stehen auf wackeligem Fundament. Gewalt, Korruption und Machtmissbrauch bestimmen die Regeln. Die Kamera beobachtet Menschen, die sich nach einem Ausweg sehnen und gleichzeitig wissen, dass dieser Ausweg womöglich nie kommen wird. Gerade diese Atmosphäre des Feststeckens gehört zu den stärksten Elementen des Films. Die Figuren wirken weniger wie klassische Gangsterhelden als wie Menschen, die versuchen, sich in einem System kleine Freiräume zu schaffen.


Szene aus „Once Upon a Time in Gaza“: Dreharbeiten eines Films.
Bildnachweis: © IMMERGUTEFILME Filmdistribution

Nach einem einschneidenden Wendepunkt verändert sich die Erzählung jedoch deutlich. Der Film springt mehrere Jahre in die Zukunft und verlagert seinen Fokus zunehmend auf das Kino selbst. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Freundschaft, Schuld und Vergeltung, sondern auch um Bilder, Inszenierungen und die Frage, wie Geschichten entstehen. Die Dreharbeiten eines staatlich finanzierten Propagandafilms werden zum zentralen Schauplatz. Hier entwickelt „Once Upon a Time in Gaza“ seine spannendsten Ideen. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion beginnen zu verschwimmen. Schauspieler verkörpern Helden, während um sie herum Menschen leben, deren Realität deutlich komplizierter ist als jede propagandistische Erzählung. Dabei spürt man deutlich die Liebe der Regisseure zum Kino. Die Musik erinnert stellenweise an die großen Genreklassiker vergangener Jahrzehnte.


Mal schwingen Anklänge an Italowestern mit, mal an klassische Gangsterfilme. Dadurch erhält der Film einen beinahe mythischen Anstrich, als wolle er Gaza in eine filmische Legende verwandeln. Gleichzeitig entsteht hier jedoch ein Problem. Der Titel und die zahlreichen filmhistorischen Verweise wecken Erwartungen an eine große epische Erzählung. Tatsächlich bleibt der Film dafür jedoch zu kurz, zu sprunghaft und zu fragmentiert. Man erkennt die Ambitionen hinter dem Film, doch nicht jede dieser Ambitionen erhält genügend Raum, um ihre Wirkung überhaupt zu entfalten. Besonders die Figuren leiden darunter. Die zentrale Freundschaft bildet zwar das emotionale Fundament der Geschichte, entwickelt jedoch nie jene Tiefe, die nötig wäre, um alle späteren Entwicklungen mit voller Wucht spürbar zu machen. Auch einzelne Charakterentwicklungen bleiben eher angedeutet als tatsächlich erzählt.


Szene aus „Once Upon a Time in Gaza“: Ein junger Mann mit rot-weißem Kopftuch und Bart blickt ernst nach vorn.
Bildnachweis: © IMMERGUTEFILME Filmdistribution

Dadurch entsteht gelegentlich das Gefühl, dass der Film mehr über seine Themen nachdenkt als über die Menschen, die diese Themen verkörpern. Aber auch wenn nicht jede Idee aufgeht und sich nicht jede erzählerische Ebene zu einem vollkommenen Ganzen zusammenfügt, besitzt der Film Energie, Eigenwilligkeit und einen Blick auf seine Figuren, der von großer Menschlichkeit geprägt ist. So schließt sich auch der Kreis zum titelgebenden „Es war einmal“. Märchen erzählen oft von einer Welt, die anders ist, als sie ist. Die Nasser-Brüder nutzen diese Formel nicht, um einer Realität zu entfliehen, sondern um sie sichtbar zu machen. Und so bleibt am Ende vor allem eine vorsichtige Hoffnung: die Hoffnung, dass eines Tages Geschichten aus Gaza erzählt werden können, ohne dass Krieg und Konflikt zwangsläufig ihre Hauptrolle spielen müssen.


Fazit:


„Once Upon a Time in Gaza“ ist ein eigenwilliger Film, der Gangsterdrama, Western, Satire und Reflexion über das Kino miteinander verbindet. Nicht jede seiner Ideen erhält den Raum, den sie verdient hätte und manche Figuren bleiben überraschend fern, dennoch entsteht daraus ein ungewöhnlicher, mutiger und bemerkenswert menschlicher Blick auf einen Ort, der im Kino nur selten auf diese Weise gezeigt wird.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 12. Februar 2026 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Once Upon a Time in Gaza“:

Genre: Tragikomödie, Western

Laufzeit: 87 Minuten

Altersfreigabe: FSK 12


Regie: Tarzan Nasser und Arab Nasser

Drehbuch: Tarzan Nasser und Arab Nasser

Besetzung: Nader Abd Alhay, Majd Eid, Ramzi Maqdisi und viele mehr ...


Trailer zu „Once Upon a Time in Gaza“:


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