Kritik zu „One Battle After Another“: „Freiheit ist schon eine komische Sache, nicht wahr?“
- Toni Schindele

- 25. Sept. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Paul Thomas Anderson meldet sich mit einem neuen Film auf der großen Leinwand zurück, der schon im Vorfeld hohe Erwartungen geweckt hat – nicht nur wegen seiner prominenten Besetzung, sondern auch wegen seiner brisanten Geschichte.

Paul Thomas Anderson zählt seit den späten 1990er-Jahren zu den prägenden Stimmen des US-amerikanischen Autorenkinos. Spätestens seit „Boogie Nights“ gilt er als Regisseur, der gleichermaßen formal ambitionierte wie erzählerisch zugängliche Filme realisiert und damit sowohl internationale Festivaljurys als auch ein breiteres Publikum erreicht. Trotz zahlreicher Oscar-, Globe- und Critics’-Choice-Nominierungen blieb ihm eine Auszeichnung bislang verwehrt – seine Stellung als einer der stilbildenden Filmemacher seiner Generation ist dennoch unbestritten. Vor diesem Hintergrund wurde „One Battle After Another“ bereits vor dem Kinostart als eines der wichtigsten Projekte seiner jüngeren Laufbahn wahrgenommen, nicht zuletzt wegen der prominenten Besetzung um Leonardo DiCaprio und Sean Penn.
Kurz vor der Veröffentlichung betonten beide Darsteller in Interviews, wie stark sie die Zusammenarbeit mit Anderson gereizt habe. DiCaprio habe schon seit vielen Jahren den Wunsch gehabt, mit ihm zu drehen, und sehe in dem Regisseur eine der markantesten künstlerischen Stimmen seiner Generation. Penn wiederum machte deutlich, dass ihn bereits die Drehbuchlektüre überzeugt habe: Die Art, wie Anderson Figuren entwerfe und aktuelle Themen aufgreife, habe ihn unmittelbar begeistert. Beide betonten zudem, dass am Set eine Mischung aus klarer Regiehandschrift und großer künstlerischer Freiheit herrsche – ein Arbeitsumfeld, das ihre Entscheidung für das Projekt wesentlich geprägt habe. jetzt kommt „One Battle After Another“ in die Kinos - lohnt sich dafür der Gang ins Kino?
Darum geht es:
Jahre nach einer blutigen Vergangenheit im linken Untergrund leben Bob und seine Tochter Willa unter falschem Namen in einer kalifornischen Kleinstadt. Während Bob verzweifelt versucht, seiner Tochter ein normales Leben zu ermöglichen, holt ihn die Vergangenheit wieder ein: Ein skrupelloser Militär-Offizier, besessen von Bobs einstiger großen Liebe Perfidia, hat ihre Spur nie aufgegeben und beginnt, mit schwer bewaffneten Spezialeinheiten die Stadt unter Druck zu setzen. Zwischen wachsender Paranoia, politischer Hetze und eskalierenden Protesten droht die Lage zu explodieren. Als Vater und Tochter voneinander getrennt werden, beginnt ein atemloser Wettlauf gegen die Zeit – während alte Netzwerke, persönliche Obsessionen und dunkle Geheimnisse erneut Macht über ihr Leben gewinnen.
Die Rezension:
Paul Thomas Anderson knüpft mit „One Battle After Another“ an seine langjährige Beschäftigung mit moralisch schwer zu fassenden Figuren an, wählt jedoch in seinem neuen und zehnten Langspielfilm eine deutlich explosivere, und vor allem politisch aufgeladene Form als in vielen seiner früheren Arbeiten. Lose an Thomas Pynchons Roman „Vineland“ angelehnt, jedoch in die unmittelbare Gegenwart verlagert, nutzt der Film politische Spannungsfelder der Vereinigten Staaten als Ausgangslage für eine Geschichte, die sich zwischen verschiedenen Genres bewegt: Politthriller, Actiondrama, Neo-Frontier-Erzählung, und sozialkritische Satire überlagern sich permanent und schaffen ein Werk, das temporeich und thematisch vielschichtig eine bedrückende Bestandsaufnahme eines Landes liefert, das immer stärker zwischen Autorität, Angst und ideologischem Fanatismus zerrieben wird. Anderson inszeniert dies weniger als Thesenfilm, sondern als fiebrige Odyssee – getragen von ruheloser Energie, die immer weiter anzieht und der man sich kaum entziehen kann.

Bereits der Filmtitel, der auf Deutsch so viel wie eine Schlacht nach der anderen meint, deutet eine ständige Anspannung an – und tatsächlich legt „One Battle After Another“ von Beginn an ein sehr hohes Erzähltempo vor. Obwohl es fast eine Stunde dauert, bis die eigentliche Geschichte rund um den lethargischen Ex-Revolutionär Bob und seine Tochter Willa ins Zentrum rückt, arbeitet Anderson von Beginn an mit einem sehr dichten Spannungsaufbau. Dabei folgt das Drehbuch dem klassischen Thriller-Aufbau eines Katz-und-Maus-Narrativs, erweitert ihn jedoch um inhaltliche Spitzen über staatliche Willkür, institutionalisierten Rassismus und die fragile Balance zwischen Sicherheit und Freiheit. Die Verlagerung in die politische Realität der 2020er-Jahre schärft Themen wie Polizeigewalt, Militarisierung und die Konstruktion gesellschaftlicher Feindbilder. Zugleich gelingt es Anderson, die Balance zwischen beißender Satire und existenzieller Dramatik zu halten.
Denn trotz der inhaltlichen Schwere erlaubt sich der Film immer wieder überraschend komische Momente, etwa dann, wenn Leonardo DiCaprio als Bob an einem dringend benötigten Passwort verzweifelt oder – völlig bekifft – erfährt, dass er schnellstmöglich verschwinden muss, um nicht von seinen Häschern gefunden zu werden. So gelingen dem Film immer sehr pointierte Dialogpassagen, die das Geschehen auflockern, ohne die Ernsthaftigkeit zu unterlaufen, was ein besonderes Kinoerlebnis ermöglicht: Selten war Gesellschaftskritik zugleich so unterhaltsam und so wenig banal. Das feinsinnige Drehbuch von Paul Thomas Anderson hält dabei stets eine bemerkenswerte Balance zwischen Humor, Härte und zeitdiagnostischer Schärfe, ohne den fiktionalen Rahmen je zu sprengen. Eine der unterhaltsamsten Szenen entsteht dabei, als Bobs Paranoia so weit geht, dass er seine sichtlich entnervte Tochter hartnäckig darüber befragt, wer genau diese rätselhaften Freunde seien, mit denen sie den Abende verbringen will.

Im Zentrum von „One Battle After Another“ steht Leonardo DiCaprio als desillusionierter Vater Bob, dessen Figur deutlich von gängigen Heldenmustern abrückt. Er ist weder moralischer Fixpunkt noch Retterfigur, sondern ein geschundener, teils fahriger, teils resignierter Protagonist, der in erster Linie versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen und Verantwortung für seine Tochter zu übernehmen. Diese bewusste Abkehr von der klassischen White-Savior-Dramaturgie arbeitet der Film sehr konsequent heraus: Zwar steht Bob als weißer Protagonist im erzählerischen Zentrum, doch seine Handlungsmacht ist stark eingeschränkt. Seine Entscheidungen sind häufig von Angst, Panik oder Verdrängung geprägt, und seine Versuche, Kontrolle zu erlangen, scheitern immer wieder. Entscheidend ist zudem, dass der dramaturgische Kulminationspunkt in der Selbstermächtigung seiner Tochter.
Willa widersetzt sich eigenständig ihrer lebensbedrohlichen Situation, wodurch der Film bei aller pessimistischen Diagnose zur Weltlage auch eine positive wie humanistische Aussage bereithält.
„One Battle After Another“ verschiebt damit die klassische Konstellation: Die bedrohte junge Schwarze wird nicht zum passiven Objekt des Rettungsakts unseren weißen Helden, wie es Hollywood schon oft zeigte, sondern bleibt bis zum Schluss als handlungsfähiges Subjekt präsent. Chase Infiniti, die in „One Battle After Another“ sehr eindrucksvoll ihre erste Hauptrolle in einem Kinospielfilm übernimmt, spielt Willa zunächst als typische Teenagerin, die erst allmählich ihre Situation und ihren familiären Hintergrund begreift. Zwar wirkt sie über weite Strecken als scheinbar aussichtsloses Entführungsopfer, doch bleibt sie hartnäckig und gewinnt zunehmend an Selbstsicherheit, bis sie ihrem Gegenspieler schließlich mit erhobenem Kopf gegenübertritt.

Infinitis Spiel zeichnet ein Mädchen, das früh zur Selbstständigkeit gezwungen ist, ohne dabei zur unzerstörbaren Superheldin stilisiert zu werden. Verletzlichkeit und Entschlossenheit gehen hier eng ineinander über. Ihr gegenüber steht ein Gegenspieler, der stärker mit ihr verbunden ist, als ihr lieb sein kann – und der zugleich das heimliche schauspielerische Highlight im Ensemble bildet. Der zweifache Oscarpreisträger Sean Penn übernimmt die Rolle des Colonels Steven J. Lockjaw und zeichnet die Figur als radikalisierten Sicherheitsbeamten. Penn arbeitet dabei stark über Körpersprache und Mimik: Die steife Haltung, der angespannte Blick und die kontrollierte Aggression verleihen Lockjaw jene Unberechenbarkeit, die ihn dramaturgisch so wirksam macht. Die Figur ist zwar deutlich überzeichnet und streift bisweilen die Grenze zur Groteske, bleibt jedoch als fanatischer Ideologe stets gefährlich. Lockjaw verkörpert einen Rassisten, dessen Überzeugungen durch einen rigiden Machtapparat gestützt werden – und genau in dieser Verbindung entsteht die beklemmende Wirkung.
Auch visuell ist „One Battle After Another“ ambitioniert und schöpft die Möglichkeiten des analogen Kinos konsequent aus. Denn Anderson und sein Kameramann Michael Bauman entschieden sich dafür, im VistaVision-Verfahren zu drehen – einem noch analogen Format, bei dem der 35mm-Film horizontal durch die Kamera läuft und ein deutlich größeres Negativ erzeugt. Dieses Verfahren war in den 1950er-Jahren vor allem für epische Stoffe verbreitet und erlebt derzeit eine kleine Renaissance. Der technische Mehraufwand zahlt sich dabei doppelt aus: Zum einen erlaubt das größere Negativ eine außergewöhnlich hohe Detailtreue, selbst in weitläufigen Totalen oder stark kontrastreichen Lichtsituationen. Zum anderen lässt sich das Material ohne sichtbare Schärfeverluste in unterschiedlichen Seitenverhältnissen projizieren – vom hochformatigen IMAX-Bild bis zum gängigen 1:1,85-Format. Visuell herausstechend kulminiert „One Battle After Another“ zudem gegen Ende in einer ausgedehnten Verfolgungssequenz: Mehrere Fahrzeuge rasen über eine nahezu endlose Wüstenstraße, deren wellenförmiges Profil die Wagen unablässig auf- und abtauchen lässt.

Die Kamera bleibt meist dicht an der Frontpartie des Kraftfahrzeugs, sodass der Eindruck entsteht, man nehme selbst auf dem Beifahrersitz Platz. Es ist wohl schon jetzt eine der denkwürdigsten Szenen des Kinojahres mit Kult-Potential. Aber auch der von Jonny Greenwood komponierte Soundtrack trägt maßgeblich dazu bei, die der Inszenierung inne wohnende Unruhe heraufzubeschwören. Immer wieder wechseln sich treibende, unruhig aufgebaute Passagen mit ruhigeren, beinahe klagenden Melodielinien ab. Piano, Gitarren und Streicher sorgen für einen durchweg sich anspannende Spannungsbogen, doch der groß gedachte Film hat verfügt auch über epische Themen, die immer wieder anklingen und Schlüsselszenen monumental hervorheben. Ergänzt wird der Soundtrack durch ausgewählte Songs, darunter Gil Scott-Herons „The Revolution Will Not Be Televised“ – ein Werk, das eng mit Black-Liberation-Bewegungen verbunden ist und die politischen Unterströmungen des Films unterstreicht.
Fazit:
„One Battle After Another“ verbindet politische Schärfe mit mitreißender Spannung und zeichnet das Bild einer von Angst und Ideologien zerrissenen Gegenwart – erzählt als fiebrige Thriller-Komödie, die Genregrenzen bewusst verwischt und gängige White-Savior-Erwartungen konsequent unterläuft. Paul Thomas Andersons neuer Film beeindruckt gleichermaßen durch seine audiovisuelle Inszenierung wie durch sein starkes Ensemble, in dem Leonardo DiCaprio, Sean Penn und Chase Infiniti vollständig in ihren Rollen aufgehen und gehört nicht zuletzt wegen der finalen Verfolgungsjagd zu den außergewöhnlichsten Titeln des Jahres.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 25. September 2025 im Kino.
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Weitere Informationen zu „One Battle After Another“:
Genre: Thriller, Komödie, Action, Drama
Laufzeit: 162 Minuten
Altersfreigabe: FSK 16
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson
Besetzung: Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Chase Infiniti und viele mehr ...
Trailer zu „One Battle After Another“:





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