Kritik zu „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“: Auf den Spuren einer lückenhaften Vergangenheit

Aktualisiert: 11. Sept.
Wie gut kann man die eigene Herkunft kennen, wenn entscheidende Teile der Familiengeschichte fehlen? „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ begibt sich auf die Suche nach Antworten und stößt dabei auf Erinnerungen, die längst nicht so eindeutig sind, wie sie zunächst scheinen.

Carla Simón erzählt in ihren Filmen immer wieder von Familie und damit auch von ihrer eigenen Geschichte. Ihre Eltern starben an AIDS, als sie noch ein Kind war; anschließend wuchs sie bei Tante und Onkel auf. Seit ihrem Debütfilm „Fridas Sommer“ verarbeitet die spanische Regisseurin diese Erfahrungen immer wieder fiktional und gewann damit für „Alcarràs – Die letzte Ernte“ 2022 den Goldenen Bären der Berlinale. Mit „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ führt sie diese lose Trilogie nun zu ihrem Abschluss und kommt ihrer eigenen Herkunft dabei so nahe wie bisher kaum: Denn Grundlage für das Drehbuch waren Briefe ihrer Mutter, die Simón erst Jahre später erhielt und für den Film behutsam in die Form eines Tagebuchs überführte.
Darum geht es:
Als Marina im Sommer 2004 nach Vigo reist, soll sie dort eigentlich nur eine Unterschrift für ein Stipendium besorgen. Doch mit der Kamera in der Hand und dem Tagebuch ihrer verstorbenen Mutter im Gepäck beginnt die 18-Jährige zugleich, nach den Spuren ihrer Eltern zu suchen, die sie kaum gekannt hat. Zwischen ausweichenden Verwandten, widersprüchlichen Erinnerungen und lange gehütetem Schweigen entsteht nach und nach das Bild einer Vergangenheit, über die in der Familie niemand gerne spricht. Doch wie lässt sich herausfinden, wer die eigenen Eltern wirklich waren, wenn jeder eine andere Geschichte von ihnen erzählt?
Die Rezension:
Was in einer Familie verschwiegen wird, ist damit noch lange nicht verschwunden. Es kann in alten Briefen, Fotos oder widersprüchlichen Erinnerungen zurückbleiben. Wer Jahre später verstehen will, was wirklich geschehen ist, findet deshalb mitunter keine fertige Geschichte, sondern nur einzelne Bruchstücke, aus denen sich die Vergangenheit erst mühsam zusammensetzen lässt. In „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ nimmt Carla Simón solche losen Enden aus ihrer eigenen Familie wieder auf und macht aus Marinas Herkunftssuche ein Spiel mit Erinnerung, Verdrängung und den Grenzen dessen, was sich überhaupt noch rekonstruieren lässt. Aus einer zunächst persönlichen Herkunftssuche entwickelt Simón damit einen Film darüber, wie Familien ihre eigene Geschichte herstellen – durch das, was sie bewahren, ebenso wie durch das, was sie lieber nicht aussprechen.

Schon im Titel steckt viel von dem, was Carla Simóns Film ausmacht: Denn das spanische Wort Romería kann sowohl Pilgerfahrt als auch Fest bedeuten und tatsächlich bewegt sich Marinas Suche auch zwischen beidem. Dabei folgt sie den Spuren ihrer Familie, ohne dass Simón daraus eine klassische Recherche macht, bei der Erinnerung für Erinnerung abgefragt und am Ende zu einer eindeutigen Wahrheit zusammengesetzt wird. Stattdessen wählt sie einen viel spannenderen Weg: Denn wo Erinnerungen und Dokumente nicht mehr weiterhelfen, setzt die Vorstellungskraft ein und mit ihr öffnet sich der Film dem magischen Realismus, für den Simón in ihrer Bildsprache immer wieder Wege findet, diese stark assoziative Geschichte unmittelbar erfahrbar zu machen.
Marinas Digitalkamera hält ihre Gegenwart fest, die Gedanken ihrer Mutter gelangen aus dem Tagebuch als Voice-over in den Film, während die imaginierten Erinnerungen an die frühen 1980er-Jahre auf Super 8 gedreht sind und dadurch tatsächlich so wirken, als kämen sie direkt aus jener Zeit. Je näher Marina dabei der Geschichte ihrer Eltern kommt, desto stärker beginnen auch die verschiedenen Bildebenen ineinanderzufließen. Kamerafrau Hélène Louvart greift diesen Gedanken immer wieder in der Bildsprache auf: So fährt Marina über dasselbe Wasser und blickt auf dieselbe Küste, auf die einst ihre Eltern sahen. Zum stärksten Bindeglied wird dafür daher das Meer: Es verbindet sie mit ihren Eltern und steht zugleich für Freiheit, Rausch und Gefahr. Simón interessiert sich so immer wieder für den schmalen Grat zwischen Aufbruch und dem Preis, den er fordern kann.

Mit der Geschichte der Eltern führt der Film zugleich in die frühe Nach-Franco-Zeit, als eine junge Generation neue Freiheiten in Liebe, Sexualität und Zusammenleben suchte und gleichermaßen mit Heroin und der AIDS-Krise konfrontiert wurde. Simón verklärt diese Zeit nicht, verurteilt ihre Figuren aber auch nicht im Rückblick und lässt ihre Leben bei aller Melancholie nie bloß auf ihr tragisches Ende zulaufen. Gerade daraus entfaltet der Film ein Generationenporträt, in dem persönliche und gesellschaftliche Geschichte eng ineinandergreifen, sodass auch Marinas lückenhaftes Wissen über ihre Eltern nicht nur familiäre, sondern historische Gründe erhält.
Wie eng Aufbruch und Verlust dabei zusammenliegen, bringt „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ besonders eindringlich in einem unwirklichen Tanz zu „Bailaré sobre tu tumba“ der Vigoer Punkband Siniestro Total hervor, wenn während eines Festes die Tanzenden nach und nach erstarren und unter weißen Tüchern verschwinden, bis aus der anfänglich ausgelassenen Feier ein beklemmendes Bild der AIDS-Pandemie wird. So deutlich und expressiv wird „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ allerdings nur selten. Meist erzählt Simón viel offener und assoziativer, bleibt eng bei Marinas Blick auf ihre Familie und lässt sie beim Zuhören und Filmen erleben, wie Generationen, Temperamente und unterschiedliche Erinnerungen an dieselbe Vergangenheit aufeinanderprallen.
Regisseurin Carla Simón bei den Dreharbeiten:

Dass neben professionellen Darstellern auch Laien mitspielen, gibt diesen Begegnungen eine beiläufige Natürlichkeit, in die sich Llúcia Garcias zurückgenommenes Spiel als Protagonistin Marina nahtlos einfügt. Blicke, Körperhaltung und kleine Irritationen zeigen, wie Marina versucht, eine Familie zu verstehen, die ihr vertraut sein müsste und ihr doch fremd ist. Garcia spielt diese Zurückhaltung aber nie passiv: Marina hört zu, prüft Widersprüche und gewinnt mit jeder Begegnung etwas mehr Sicherheit. Selbst wenn andere mehr sprechen, bleibt sie deshalb oft das Zentrum der Szene, weil erst ihre Reaktion zeigt, was eine Aussage in ihr auslöst.
Besonders spannend wird das durch die Doppelbesetzung. In den vorgestellten Bildern der Vergangenheit spielt Garcia auch Marinas Mutter. Dabei wirkt Garcia als Marina kontrollierter und suchender, als ihre Mutter dagegen freier und unmittelbarer. Gerade darin liegt der Reiz der Doppelbesetzung: Marina kann sich ihre Mutter nur aus dem heraus vorstellen, was sie selbst kennt. Ähnlich ist es bei Mitch Martín, der zunächst als Marinas Cousin Suso einen lockeren Gegenpol zu ihr bildet und später auch ihren jungen Vater Fon spielt. Die Vergangenheit bekommt so buchstäblich die Gesichter der Gegenwart.

Im letzten Drittel treibt Simón diesen Gedanken immer weiter, bis Gegenwart und Erinnerung zunehmend ineinanderfließen und schließlich sogar ein rotes Kleid Marina mit ihrer Mutter verbindet. Auch ohne große dramaturgische Zuspitzungen verliert „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ dabei nie an Spannung. Im Gegenteil: Je länger man Marina begleitet, desto tiefer zieht Simón in diese Welt hinein, bis der Film gegen Ende einen ganz eigenen Sog entwickelt. Gerade deshalb fühlen sich die knapp zwei Stunden trotz des ruhigen Erzähltempos nie lang an: Zu sehr trägt einen die besondere Stimmung des Films, an der man sich gerade auf der großen Leinwand kaum sattsehen kann.
Fazit:
Sinnlich, poetisch und bewegend wird die Suche nach den eigenen Wurzeln in „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ zu einer vielschichtigen Erkundung dessen, wie Erinnerung fortwirkt, wenn Gewissheiten fehlen. Carla Simón verwebt persönliche und gesellschaftliche Geschichte, Gegenwart und Imagination zu einem ebenso freien wie feinfühlig beobachteten, melancholisch schimmernden Generationenporträt, in dem Llúcia Garcia mit ihrer ersten großen Rolle eindrucksvoll auf sich aufmerksam macht.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 2. April 2026 im Kino.
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Weitere Informationen zu „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“:
Genre: Drama
Laufzeit: 114 Minuten
Altersfreigabe: FSK 16
Regie: Carla Simón
Drehbuch: Carla Simón
Besetzung: Llúcia Garcia, Mitch Martín, Tristán Ulloa und viele mehr ...
Trailer zu „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“:





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