Kritik zu „Sechs Richtige - Glück ist nichts für Anfänger“: Dieser Geldregen hat Nebenwirkungen
- Toni Schindele

- 29. Jan. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Ein Lottogewinn verspricht finanziellen Überfluss und grenzenlose Möglichkeiten, doch was passiert, wenn sich das vermeintliche Glück als böser Fluch entpuppt? Um solche Szenarien geht es im Episodenfilm „Sechs Richtige - Glück ist nichts für Anfänger“.

Die Welt der Filmkomödien lebt von kreativen Stimmen, die das Genre mit neuen Perspektiven und frischen Ideen bereichern. In Frankreich haben sich Romain Choay und Maxime Govare bereits als eigenständige Filmemacher einen Namen gemacht, aber nun haben sie erstmals als Regieduo zusammengearbeitet und mit „Heureux Gagnants“, auf Deutsch „Sechs Richtige – Glück ist nichts für Anfänger“, eine schwarzhumorige Komödie inszeniert, die bereits beim Festival international du film de comédie de l'Alpe d'Huez 2024 ausgezeichnet wurde. Nachdem der Film Mitte März 2024 in Frankreich anlief, kommt er nun auch in die deutschen Kinos.
Darum geht es:
Paul erfährt mitten auf dem Weg in den Urlaub, dass er fünf Millionen Euro reicher ist – sofern er es rechtzeitig zurück zur Lottostelle schafft. Währenddessen sackt Julie zehn Millionen Euro ein und stellt verblüfft fest, dass ihr plötzlicher Reichtum sie für andere schlagartig in einen wandelnden Hauptgewinn verwandelt. Ahmed hingegen wünscht sich, er hätte nie gewonnen. Denn ist Reichtum wirklich ein Gewinn oder nur der Beginn neuer Katastrophen?
Die Rezension:
Viele träumen vom großen Lottogewinn – dem plötzlichen Sprung in ein Leben voller Luxus und sorgenfreier Existenz. Doch rein statistisch betrachtet gleicht ein Sechser im Lotto einem nahezu absurden Zufallsereignis, schließlich existieren fast 14 Millionen mögliche Zahlenkombinationen. Dennoch nehmen sich Romain Choay und Maxime Govare in ihrem satirischen Episodenfilm „Sechs Richtige – Glück ist nichts für Anfänger“ dieser Wunschvorstellung an und durchleuchten humorvoll wie bitterböse, was passiert, wenn der Traum vom plötzlichen Reichtum Realität wird. Die Protagonisten, die aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten stammen, eint dabei eine bittere Erkenntnis: Geld allein macht nicht glücklich – und in vielen Fällen zieht es ungeahnte Konsequenzen nach sich.

Die Frage, ob und inwiefern Geld tatsächlich Zufriedenheit steigert, ist nicht neu. Während materielle Sicherheit durchaus ein wichtiger Faktor sein kann, entlarven zahlreiche Studien die Illusion grenzenloser Glückseligkeit: Einmal überschritten, verliert Geld seinen unmittelbaren Einfluss auf die Lebensqualität und weckt vielmehr neue Begehrlichkeiten, die in Gier und Existenzängste umschlagen können. Genau mit dieser Dynamik spielt der Film auf clevere Weise: Seine Figuren taumeln zwischen Euphorie und Verantwortungslosigkeit, zwischen märchenhaftem Aufstieg und tiefem Fall. Govare und Choay bedienen sich dabei bewusst eines weit verbreiteten Klischees: Viele, die den Jackpot knacken, stehen wenige Jahre später mit leeren Händen da.
Ihr Film erzählt in vier lose miteinander verbundenen Episoden, wie das Schicksal seiner Protagonisten durch den Geldsegen auf den Kopf gestellt wird – oft mit unerwarteten und tragikomischen Folgen. Dabei brechen Govare und Choay sehr klar mit der klassischen Erfolgserzählung und setzen stattdessen auf tiefschwarzen Humor und eine genüssliche Dekonstruktion der vermeintlichen Glücksformel. Wohlfühlmomente sucht man hier vergeblich – stattdessen entfaltet sich ein Reigen grotesker Eskalationen. Doch statt bloßer Schadenfreude liefert „Sechs Richtige“ eine spitzfindige Sozialstudie, die allerdings auch weit weniger provokant ausfällt, als man es zunächst vermuten könnte. Das Drehbuch nutzt die episodische Struktur geschickt, um das Spannungsfeld zwischen Glück und Gier aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten.

Eine der stärksten Episoden stellt ein Seniorenheim in den Mittelpunkt: Als ein Bewohner nach der Gewinnbenachrichtigung einen Herzinfarkt erleidet, geraten seine Pfleger in einen moralischen Zwiespalt – und treffen eine folgenschwere Entscheidung, die eine Kettenreaktion an skurrilen Unglücken in Gang setzt, die in ihrer überzogenen Dramatik fast an die „Final Destination“-Reihe erinnert. Diese erzählerische Gratwanderung zwischen Humor und Tragik gelingt dem Film immer wieder – und unterstreicht seine ironische Kernbotschaft: Wo Gier regiert, ist das nächste Unheil meist nicht weit. Noch drastischer ist die Episode, in der islamistische Attentäter kurz vor einem geplanten Anschlag erfahren, dass sie Millionäre sind – eine Wendung, die ihr Weltbild ins Wanken bringt.
Choay und Govare demonstrieren in jeder Episode aufs Neue, wie unberechenbar sich Glück in sein Gegenteil verkehren kann. Doch so temporeich die Wechsel zwischen den Erzählsträngen auch sind, birgt die episodische Struktur eine Schwäche: Die kurzen Begegnungen mit den Figuren lassen wenig Raum für emotionale Bindungen. Wo das Geschehen im Minutentakt eskaliert, verpufft mitunter das erzählerische Potenzial, bevor es sich voll entfalten kann. Die Inszenierung setzt stark auf Tempo und satirische Zuspitzung, wodurch einzelne Handlungsstränge fast skizzenhaft wirken. Charaktere sind weniger vollwertige Persönlichkeiten als vielmehr Mittel zum Zweck – Träger einer ironischen Botschaft über die Absurdität von Reichtum und menschlicher Hybris.

Besonders im Finale geht dem Film spürbar die Luft aus: Das überlange Ende kann nicht mehr an die vorherige Dynamik anknüpfen und verwässert die zuvor pointierte Satire durch unnötige Längen. Hier hätte eine straffere Erzählweise der Schärfe des Films gutgetan. Dennoch überzeugt das Ensemble mit spürbarer Spielfreude. Besonders Fabrice Eboué und Anouk Grinberg setzen mit ihrer trocken-pointierten Darstellung starke Akzente und tragen maßgeblich zur bissigen Komik des Films bei. Die Parallelen zu anderen rabenschwarzen Episodenfilmen liegen auf der Hand, doch Govare und Choay setzen eigene Akzente: Ihr Humor ist derb, manchmal überraschend drastisch und bewusst überspitzt.
Fazit:
Trotz erzählerischer Schwächen beweisen Govare und Choay mit „Sechs Richtige - Glück ist nichts für Anfänger“ erneut ihr Talent für subversiven Humor und intelligente Gesellschaftssatire. Wer sich auf den bitterbösen Tonfall einlässt, wird mit einem Film belohnt, der nicht nur unterhält, sondern auch Denkanstöße liefert – eine scharfsinnige wie augenzwinkernde Abrechnung mit der Illusion des Lottoglücks.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 30. Januar 2025 im Kino.
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Weitere Informationen zu „Sechs Richtige - Glück ist nichts für Anfänger“:
Genre: Komödie
Laufzeit: 103 Minuten
Altersfreigabe: FSK 16
Regie: Maxime Govare und Romain Choay
Drehbuch: Maxime Govare und Romain Choay
Besetzung: Audrey Lamy, Fabrice Eboué, Anouk Grinberg und viele mehr ...
Trailer zu „Sechs Richtige - Glück ist nichts für Anfänger“:





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