top of page

Kritik zu „The Life of Chuck“: Drei Akte rückwärts

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • 24. Juli 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Stephen King ohne Horror – geht das überhaupt? Mike Flanagan, der bereits mehrere Werke des Bestsellerautors verfilmte, hat sich genau daran versucht und mit „The Life of Chuck“ einen überraschend anderen Film für die große Leinwand inszeniert.


Kinoposter zu „The Life of Chuck“ mit Tom Hiddleston in Anzug und Krawatte, der vor einem blauen Himmel und funkelnden Sternen tanzt.
Bildnachweis: © TOBIS Film

Stephen King zählt mit über 400 Millionen verkauften Büchern und Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen zu den erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Neben seinen klassischen Horrorgeschichten hat der Schriftsteller in den vergangenen Jahrzehnten auch immer wieder Stoffe geliefert, die fernab des Genres funktionieren – etwa „Stand by Me“, „Die Verurteilten“ oder „The Green Mile“. Seine 2020 veröffentlichte Novellensammlung „If It Bleeds“ mit dem deutschen Titel: „Blutige Nachrichten“ vereint vier Erzählungen, darunter „The Life of Chuck“, die nun erstmals verfilmt wurde. Für die Adaption zeichnet Regisseur Mike Flanagan verantwortlich, der bereits mit „Gerald’s Game“ und „Doctor Sleep“ zwei King-Werke umgesetzt hat und derzeit an einer Serien-Neuauflage von „Carrie“ arbeitet.


Darum geht es:


Das Internet bricht zusammen, Erdbeben reißen Städte auseinander, und selbst die Sterne verlöschen am Himmel – als die Welt plötzlich aus den Fugen gerät, fragt sich Marty Anderson: Was bleibt, wenn wirklich alles zu Ende geht? Die Antwort scheint auf mysteriöse Weise mit einem Namen verknüpft zu sein: Charles Chuck Krantz. Überall tauchen Botschaften auf – Plakate, Stimmen im Radio, Flugzeugschleifen – „Danke, Chuck!“ Doch niemand weiß, wer dieser Chuck eigentlich ist.


Die Rezension:


In einer Zeit, in der globale Krisen, mediale Überreizung und der Verlust von Orientierung das kulturelle Klima prägen, erscheint „The Life of Chuck“ wie eine Rückbesinnung auf das Wesentliche: das Leben als Sammlung von Momenten, als flüchtiges Geschenk, als Verbindung zwischen Menschen. Die filmische Umsetzung dieser Idee ist nicht laut, nicht eindeutig, nicht perfekt – aber gerade dadurch gelingt ihr etwas selten Gewordenes: Sie macht die Endlichkeit erfahrbar, ohne Hoffnung aufzugeben. Ein Film, der keine Antworten gibt, aber wichtige Fragen stellt. In drei rückwärts erzählten Akten dekonstruiert der Film die Biografie seines Protagonisten Charles Chuck Krantz, indem er sie nicht linear, sondern impressionistisch und assoziativ erfahrbar macht. Dabei rückt weniger die chronologische Kausalität in den Vordergrund als vielmehr die emotionale Logik einzelner Lebensmomente, die sich über Echos, wiederkehrende Dialogzeilen und motivische Rückbezüge miteinander verbinden. Der dramaturgische Aufbau folgt keinem klassischen Spannungsbogen, sondern entwirft ein narratives Mosaik, das sich dem Publikum nur schrittweise erschließt.


Junger Charles „Chuck“ Krantz (Benjamin Pajak) steht in einem schwach beleuchteten Flur vor einer verschlossenen Tür – Szene aus dem Film „The Life of Chuck“ von Mike Flanagan.
Bildnachweis: © TOBIS Film

Flanagan vertraut auf den Sog seiner Bilder und auf die Wirkung der Off-Erzählung, die wie eine literarische Stimme durch den Film führt. Diese stilistische Entscheidung verleiht der Adaption eine gewisse Nähe zum geschriebenen Wort der Vorlage. Inhaltlich ist „The Life of Chuck“ durchzogen von philosophischen Fragen, die an Aktualität kaum zu überbieten sind. Wie geht man mit der Erkenntnis um, dass das eigene Leben, ja sogar die gesamte Menschheit, im Angesicht kosmischer Dimensionen unbedeutend erscheint? Und wie gelingt es dennoch, Sinn zu stiften – in Beziehungen, in Erinnerungen, in der Schönheit des Augenblicks? Der Film beantwortet diese Fragen nicht, aber er stellt sie eindringlich, verknüpft mit den individuellen Ängsten und Hoffnungen einer Figur, die zu Beginn kaum mehr als ein Name auf einer Plakatwand ist – und am Ende ein ganzes Universum enthält. Das Zitat „I contain multitudes“ aus Walt Whitmans „Song of Myself“ wird dabei zur Leitidee: der Mensch als Summe aller Begegnungen, Erlebnisse, Träume und Verluste – ein Mikrokosmos, der mit dem Makrokosmos in Resonanz tritt.


Die implizite These: Die individuelle Erfahrung ist zugleich unbedeutend und unermesslich bedeutungsvoll – ein Paradox, das Flanagan nicht auflöst, sondern als sanften Feel-Good-Film über das Menschsein in seiner Endlichkeit, über die Wichtigkeit des Augenblicks und über die kleinen Spuren, die ein einzelner Mensch im Kosmos hinterlassen kann. Dass die Welt in Flanagans Film mit Chuck endet, mag auf den ersten Blick pathetisch wirken – tatsächlich aber ist es Ausdruck einer zutiefst menschlichen Idee: dass jedes Leben, so unbedeutend es im großen Ganzen erscheinen mag, ein eigenes Universum bildet. Und dass jedes Ende zugleich ein Anfang neuer Bedeutung sein kann. Dabei bleibt Flanagans Inszenierung weitgehend frei von vordergründiger Dramatik. Die genreübergreifende Inszenierung lässt sich kaum klassifizieren und changiert elegant zwischen Formen und Tonlagen, ohne dabei beliebig zu wirken. Der Film ist weder klassische Biografie noch konventionelles Drama, er ist kein Katastrophenfilm, obwohl das Ende der Welt inszeniert wird, kein Musical, obwohl zentrale Szenen über Tanz und Musik getragen werden, und kein Coming-of-Age-Film, obwohl die Jugend des Protagonisten einen wesentlichen Teil einnimmt.


Tom Hiddleston als Charles „Chuck“ Krantz erscheint als leuchtendes Hologramm hinter einem Fenster – Filmszene aus „The Life of Chuck“.
Bildnachweis: © TOBIS Film

Besonders auffällig ist, wie entschieden sich Flanagan vom Horror entfernt, für den sowohl er als auch Stephen King bekannt sind. Abgesehen von wenigen übernatürlich anmutenden Momenten bleibt der Film im Hier und Jetzt verankert, was seine emotionale Wucht umso eindringlicher macht. Musikalisch unterlegt von den Newton Brothers, die mit einem eher introspektiven, atmosphärischen Score arbeiten, verstärkt sich die kontemplative Wirkung der Bilder. Ebenso wird die Kameraarbeit – ruhig, oft beobachtend – dazu genutzt, Innenwelten sichtbar zu machen. Dass er dabei nie ins Sentimentale abrutscht, ist seiner kontrollierten Regie ebenso zu verdanken wie dem Spiel des Ensembles. Auch wenn die unkonventionelle Dramaturgie und die Anlage von Protagonist Charles Chuck Krantz – der über weite Strecken als Projektionsfläche fungiert und erst allmählich an Kontur gewinnt – zunächst eine gewisse Distanz erzeugen und eine emotionale Bindung zur Titelfigur verzögern, bleiben die Figuren insgesamt fein ausgearbeitet.


Die Dialoge sind spannend wie pointiert, vor allem werden sie aber auch durch die perfekt gecastete Besetzung lebendig. Zwar ist der groß auf dem Plakat abgebildete Tom Hiddleston weit weniger zu sehen, als man vielleicht annehmen dürfte, und doch ist er in seinen Szenen absolut einnehmend – vor allem aber gehört sein Tanz im zweiten Akt zum großen Highlight des Films. Aus einem simplen Schlagzeug-Beat entwickelt sich eine fünfminütige, in Echtzeit gespielte Sequenz, die sich zu einem rauschhaften Moment der Lebensfreude steigert. Was als spontaner Rhythmus beginnt, wächst zu einer symbolischen Feier des Daseins – voller Jazz-, Swing- und Bossa-Nova-Anklänge, choreografiert von Mandy Moore und live begleitet von Drummerin Taylor Gordon. Tom Hiddleston beginnt zaghaft, fast schüchtern, nur mit kleinen Bewegungen und einem vorsichtigen Mitwippen, als müsse er erst in den Takt seines eigenen Lebens zurückfinden. Dann lässt er sich fallen. Seine Schritte werden weiter, sein Körper freier, die Gesten offener. Er dreht sich, reißt das Publikum um ihn herum mit, bis die ganze Menge im Rhythmus pulsiert.


Tom Hiddleston und Karen Gillan tanzen lachend auf einer sonnigen Straße, umgeben von applaudierenden Menschen – Filmszene aus „The Life of Chuck“.
Bildnachweis: © TOBIS Film

Der Tanz folgt keiner perfekten Choreografie, sondern wirkt wie ein Ausbruch, eine spontane Explosion von Energie, die sich über Minuten hinweg entfaltet. Dieser Moment ist pures Kino: lebendig, frei, euphorisch – und in seiner Aufrichtigkeit so unmittelbar, dass er den ganzen Film trägt und in Erinnerung bleiben lässt. Doch während Tom Hiddleston nur einen kleinen Part des Protagonisten spielt, wird Chuck vor allem auch ergreifend vom damals zwölfjährigen Benjamin Pajak gespielt. Gerade auch sein Zusammenspiel mit Mark Hamill als Chucks Großvater Albie ist hinreißend, der mit einem philosophisch grundierten Monolog eine der eindrucksvollsten Aussagen des Films hat, wenn er allegorisch mit der Bedeutung der Mathematik die kapitalistischen Zwänge unserer Gesellschaft aufzeigt, in der man als Buchhalter bessere finanzielle Verhältnisse als als Tänzer zu erwarten hat. Ebenfalls philosophisch angehaucht ist das in den Dialogen clever ausgefeilte Zusammenspiel von Chiwetel Ejiofor und Karen Gillan im ersten Akt als ein Paar, das sich nach der Trennung im Angesicht des Weltendes mit neuem Respekt begegnet.


Fazit:


Stephen King und Mike Flanagan verbindet man mit dem Horror-Genre, doch „The Life of Chuck“ ist genau das nicht – sondern ein charmant-melancholischer Feel-Good-Film, der kaum besser in unsere Zeit passen könnte. Sie erzählen vom Ende der Welt, um das Leben zu feiern und Vergänglichkeit als etwas Tröstliches zu zeigen. Außerdem wird man wohl nicht genug davon bekommen, Tom Hiddleston tanzen zu sehen.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 24. Juli 2025 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „The Life of Chuck“:

Genre: Drama

Laufzeit: 111 Minuten

Altersfreigabe: FSK 6


Regie: Mike Flanagan

Drehbuch: Mike Flanagan

Besetzung: Tom Hiddleston, Mark Hamill, Chiwetel Ejiofor und viele mehr ...


Trailer zu „The Life of Chuck“:


Kommentare


Abonniere jetzt den Newsletter

und sei immer aktuell informiert!

Danke für's Einreichen!

© 2023 by Make Some Noise.

Proudly created with Wix.com

bottom of page