Kritik zu „Tom und Jerry: Der verlorene Kompass“: Auf Abwegen im alten China

Ein magischer Kompass, ein geheimnisvolles Reich und jede Menge Chaos: Mit „Tom und Jerry: Der verlorene Kompass“ kommen die berühmte Katze und Maus wieder auf die große Leinwand zurück.

Seit Jahrzehnten basiert der Reiz von Tom und Jerry auf einem Prinzip, das eigentlich verblüffend simpel ist: Eine Katze jagt eine Maus und scheitert immer wieder spektakulär daran. Die Geschichten brauchten selten große Handlungen, emotionale Botschaften oder komplexe Mythologien. Stattdessen lebte das Franchise seit jeher von einer fast anarchischen Form des Slapsticks, die generationenübergreifend funktionierte. Doch genau darin liegt auch das größte Problem jeder Langfilmadaption. Denn was als zehnminütiger Cartoon perfekt aufgeht, gerät auf Spielfilmlänge schnell an seine Grenzen. Schon mehrfach versuchte Hollywood, aus dem minimalistischen Konzept einen abendfüllenden Film zu formen – bislang ohne wirklichen Erfolg. Wie gut gelingt das diesmal?
Darum geht es:
Als Tom und Jerry bei einer wilden Verfolgungsjagd durch ein Museum versehentlich einen magischen Kompass aktivieren, werden sie plötzlich in ein geheimnisvolles asiatisches Reich katapultiert. Dort geraten die beiden ewigen Streithähne zwischen mächtige Gegner, einen verbannten Phönix-Meister und eine skrupellose Ratte, die den Zauberkompass unbedingt in ihre Hände bekommen wollen. Um den Weg nach Hause zu finden, müssen Tom und Jerry ihre endlose Feindschaft überwinden – doch können Katze und Maus wirklich zusammenarbeiten, bevor das magische Artefakt in die falschen Hände gerät?
Die Rezension:
Kommen wir direkt zum Punkt: „Tom und Jerry: Der verlorene Kompass“ wirkt wie der bislang deutlichste Beweis dafür, dass bis heute niemand so recht weiß, wie sich das simple, wortlose Katz-und-Maus-Prinzip von Tom und Jerry wirklich auf Spielfilmlänge übertragen lässt. Während der Vorgänger trotz vieler Längen immerhin noch regelmäßig auf das chaotische Kräftemessen der Kultfiguren setzte, bleibt davon hier nur zu Beginn etwas übrig. Nach einer zunächst vertrauten Hetzjagd verlagert sich die Handlung schnell ins historische China, wo nach und nach all das verschwindet, was Tom und Jerry eigentlich ausmacht. Das ungewöhnliche Setting erklärt sich zwar dadurch, dass der Film im Kern eine chinesische Produktion ist und Warner Bros. Pictures lediglich als Rechteinhaber beteiligt war; das eigentliche Problem ist jedoch weniger der Schauplatz selbst, sondern vielmehr, dass Tom und Jerry in ihrem eigenen Film zunehmend zur Nebensache werden.

Zwar tauchen Tom und Jerry immer wieder auf, wirklich tragen dürfen sie die Handlung aber kaum noch. Stattdessen konzentriert sich das Drehbuch auf neue Figuren wie einen verbannten Gott, der mithilfe des Kompasses in den Himmel zurückkehren möchte. Dazu kommen allerlei Nebencharaktere und Kreaturen, die im Gegensatz zu den Titelfiguren auch sprechen können und vor allem deutlich mehr Motivation und Präsenz erhalten. Tom und Jerry wirken dadurch zunehmend wie Gäste in einer Geschichte, die auch ohne sie weitgehend funktionieren würde. Hinzu kommt, dass der Film den vielleicht wichtigsten Kern der Reihe zunehmend aufgibt: die Rivalität der beiden Titelfiguren. Statt des klassischen Katz-und-Maus-Spiels setzt „Tom und Jerry: Der verlorene Kompass“ immer stärker auf Zusammenarbeit, wodurch zunehmend jener chaotische Schlagabtausch verloren geht, von dem die Reihe seit jeher lebt.
Zumindest auf visueller Ebene bringt „Tom und Jerry: Der verlorene Kompass“ einiges mit. Als erster vollständig computeranimierter Film der Reihe entwickelt die chinesisch-amerikanische Koproduktion eine überraschend hochwertige Optik. Die Animationen finden eine gelungene Balance zwischen cartoonhafter Überzeichnung und moderner CGI-Ästhetik, ohne dabei steril oder überladen zu wirken. Besonders die fantasievoll gestaltete Kulisse besticht durch zahlreiche kleine Details, leuchtende Farben und aufwendig entworfene Architektur. Die Bilder wirken farbenreich und lebendig, ohne in grelle Reizüberflutung abzurutschen. Doch selbst diese visuelle Stärke macht letztlich umso deutlicher sichtbar, woran der Film scheitert. Denn je größer die Welt um Tom und Jerry herum wird, desto kleiner wirken die beiden Figuren innerhalb ihres eigenen Universums.

„Tom und Jerry: Der verlorene Kompass“ ist deshalb weniger ein misslungener Animationsfilm als vielmehr ein Film, der immer wieder die Frage aufwirft, weshalb diese Geschichte überhaupt unter dem Namen „Tom und Jerry“ erzählt werden musste. Als eigenständiges Fantasy-Abenteuer für ein junges Publikum funktioniert der Film stellenweise durchaus – allerdings häufig eher unabhängig von seinen titelgebenden Figuren als durch sie. Wer also vor allem einen leicht zugänglichen Animationsfilm für die gesamte Familie sucht, dürfte hier durchaus unterhaltsame Momente finden. Wer jedoch die klassische Dynamik von Tom und Jerry erwartet, wird vermutlich eher bei den ursprünglichen Kurzfilmen oder den beiden vorangegangenen Filmen fündig, die den ikonischen Figuren noch deutlich mehr Raum gaben.
Fazit:
Mit „Tom und Jerry: Der verlorene Kompass“ entfernt sich die Reihe so weit von ihren eigenen Wurzeln wie vielleicht nie zuvor. Zwischen opulenter Fantasywelt und moderner CGI-Animation entsteht zwar ein stellenweise kurzweiliges Abenteuer, vom ursprünglichen Chaos und der ikonischen Dynamik des Katz-und-Maus-Duells ist jedoch nur noch wenig zu spüren.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 30. April 2026 im Kino.
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Weitere Informationen zu „Tom und Jerry: Der verlorene Kompass“:
Genre: Abenteuer, Fantasy, Animationsfilm, Familienfilm
Laufzeit: 90 Minuten
Altersfreigabe: FSK 6
Regie: Gang Zhang
Drehbuch: Gang Zhang
Sprecher (deutsche Synchronisation): Julian Tennstedt, Sven Brieger, Patrick Roche und viele mehr ...
Trailer zu „Tom und Jerry: Der verlorene Kompass“:





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