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Kritik zu „Amrum“: Ein Hark Bohm Film von Fatih Akin

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • 9. Okt. 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Dez. 2025

Ausgehend von den Erinnerungen seines Freundes und Mentors Hark Bohm blickt Fatih Akin in seinem neuen Film auf die letzten Kriegstage und die unmittelbare Nachkriegszeit auf einer nordfriesischen Insel. Im Mittelpunkt steht ein Junge, der schneller erwachsen werden muss, als ihm lieb ist.


Szene aus „Amrum“: Ein Junge schiebt barfuß ein Fahrrad über einen menschenleeren Sandstrand, während im Hintergrund das Meer liegt.
Bildnachweis: © Warner Bros.

Ein historisches Coming-of-Age-Drama im Jahr 1945 – das klingt zunächst nicht nach dem klassischen Terrain von Fatih Akin, der sich in seiner Filmografie sonst meist mit zeitgenössischen Milieus, Migrationserfahrungen und gesellschaftlichen Konflikten auseinandersetzt. Doch „Amrum“ ist mehr als nur ein weiterer Film in seiner Laufbahn: Es ist ein Spätwerk, das aus einer jahrzehntelangen persönlichen und künstlerischen Verbindung zweier Regisseure hervorgegangen ist und in gewisser Weise den Abschluss einer gemeinsamen Wegstrecke markiert. Ausgangspunkt sind die Kindheitserinnerungen von Hark Bohm, jener prägenden Figur des Hamburger Autorenkinos, der die Strukturen der bundesdeutschen Filmkultur seit den 1970er-Jahren maßgeblich beeinflusst hat – als Regisseur, Drehbuchautor, Schauspieler, Filmdozent und institutioneller Netzwerker.


Hark Bohm, aufgewachsen auf Amrum, wollte die letzten Kriegstage, wie er sie als Kind auf der Insel erlebte, schon lange filmisch aufarbeiten. Doch erst im hohen Alter entstand daraus ein konkretes Drehbuch – und schließlich die Idee, es als Spielfilm umzusetzen. Als sich abzeichnete, dass die physische Kraft für eine eigene Regiearbeit nicht mehr ausreichen würde, trat derjenige an seine Seite, den Bohm seit Studienzeiten begleitet hatte: Fatih Akin – zunächst Student, dann Kollege und Co-Autor, Freund und künstlerischer Partner. Beide verband über Jahrzehnte ein Austausch, der von Vertrauen, gegenseitiger Wertschätzung und wiederholten Kollaborationen geprägt war – etwa bei „Tschick“ oder „Aus dem Nichts“, für dessen Drehbuch sie gemeinsam ausgezeichnet wurden. Vor dem Kinostart schilderte Akin, wie er zunächst mit dem Gedanken gerungen habe, einen derart biografisch geprägten Stoff zu inszenieren, der so eng mit der Lebensgeschichte seines langjährigen Weggefährten verwoben ist.


Szene aus „Amrum“: Ein Junge sitzt in einem kleinen Holzboot auf dem Meer und blickt nachdenklich zur Seite.
Bildnachweis: © 2025 bombero international GmbH & Co. KG / Rialto Film GmbH / Warner Bros. Entertainment GmbH / Gordon Timpen

So war es zwar Akins Idee, dass Hark Bohm seine Kindheitserinnerungen verfilmt, doch er selbst wollte zunächst nur als Produzent mitwirken. Also machte sich Bohm an eine erste Drehbuchfassung, die rund 200 Seiten umfasst haben soll – was einer epischen Laufzeit von etwa drei Stunden und zwanzig Minuten entspräche, demnach wäre der Film noch länger als beispielsweise Camerons „Avatar“-Blockbuster. Akin war zwar vom Drehbuch überzeugt, schlug aber deshalb eine Überarbeitung hin zu einem kompakteren, rund 90-minütigen Spielfilm vor. Gegenüber Filmstarts sagte er darüber: „Für ihn [Hark Bohm] war das befremdlich. Klar, er ist ja auch Drehbuchprofessor. Der Bertolucci in ihm war dann vielleicht irgendwie gekränkt.“ Am Ende einigten sich beide auf eine gemeinsame Fassung – und folgerichtig lautet der erste Credit in „Amrum“: „Ein Hark Bohm Film von Fatih Akin.“


Darum geht es:


Im Frühjahr 1945 erlebt der zwölfjährige Nanning auf der Nordseeinsel Amrum die letzten Kriegstage: Mit seiner Familie im Exil lebt er auf der nordfriesischen Insel, fernab des zerstörten Hamburgs – doch der Krieg ist längst nicht vorbei. Während Bomber über die Küste ziehen und erste Flüchtlinge eintreffen, versucht er, für seine hochschwangere, fanatisch nationalsozialistische Mutter das scheinbar Unmögliche zu besorgen: ein Honigbrot mit Butter. Aus dem augenscheinlich kleinen, kindlichen Akt der Liebe entwickelt sich für den jungen Nanning ein großes Abenteuer, das ihn mit schmerzhaften Wahrheiten konfrontiert.


Die Rezension:


Vor der Kulisse der titelgebenden nordfriesischen Insel erzählt Fatih Akins Hommage-Film an seinen Freund und Mentor Hark Bohm eine klassische Coming-of-Age-Geschichte über Reifung, Schuld und die Suche nach Orientierung in der Übergangszeit zwischen Kriegsende und Neubeginn. Dabei streift „Amrum“ seine politische Ausgangslage nur am Rand und konzentriert sich stattdessen radikal auf die Innenperspektive eines Kindes. Im Zentrum steht der Junge Nanning, dessen scheinbar banales Ziel – für seine Mutter ein Weißbrot mit Butter und Honig zu organisieren – zur Chiffre für Verantwortung, Solidarität und moralische Bewährungsproben wird. Akin nutzt die Suche nach den dafür notwendigen Zutaten als dramaturgisches Gerüst, um Nanning mit unterschiedlichsten Figuren zu konfrontieren. Die strukturierende Idee einer episodischen Odyssee durch die Inselgemeinschaft – von Tauschgeschäft zu Tauschgeschäft, von Begegnung zu Begegnung – verleiht „Amrum“ einen fast märchenhaften Anstrich. Das ist reizvoll, weil es eine rhythmische Leichtigkeit erzeugt und den humanistischen Kern der Geschichte herauskristallisiert.


Szene aus „Amrum“: Ein Junge steht vor einem Reetdachhaus und blickt ernst in die Ferne, hinter ihm sind große gebogene Knochen zu sehen.
Bildnachweis: © 2025 bombero international GmbH & Co. KG / Rialto Film GmbH / Warner Bros. Entertainment GmbH / Gordon Timpen

Akin bindet dafür seine Coming-of-Age-Struktur fest an die subjektive Wahrnehmung der Hauptfigur und setzt damit auf ein ästhetisches Prinzip, das den Film über weite Strecken bestimmt: Die Kamera bleibt nah an Gesichtern, Bewegungen und sinnlichen Eindrücken, während die Landschaftsaufnahmen der Insel wie ein Gegengewicht wirken. Kameramann Karl Walter Lindenlaub kontrastiert die weitläufigen Landschaften mit der Enge der menschlichen Beziehungen und setzt das Watt, die Dünen und die stetige Bewegung von Wind und Wasser als gleichsam zeitlose Konstante gegen die Zerrüttung der gesellschaftlichen Ordnung. Diese Naturbilder verleihen der Inszenierung eine poetische Ruhe – zugleich bergen sie das Risiko, die Härte der historischen Realität mit all ihren harten Winden und kargen Landschaften mitunter zu ästhetisieren. Dabei vermeidet Akin weitgehend sensationsheischende Zuspitzungen und zeigt, wie Normalität und ideologische Verstrickung ineinandergreifen. Vor allem aber interessiert sich Akin für die Mikrodynamiken innerhalb einer Gemeinschaft, die zwischen Gewohnheit, Verdrängung, Opportunismus und schrittweisem Umdenken schwankt.


Das Drehbuch entscheidet sich allerdings bewusst gegen psychologische Tiefenbohrung zugunsten eines weitgehend versöhnlichen Tons. Die Dialoge sind oft knapp gehalten, und viele moralische Konflikte werden eher angedeutet als vertieft. Das führt zu einer Erzählweise, die mehr auf Stimmungen als auf Plotverdichtung setzt. Wer stringente Konfliktentwicklung erwartet, wird phasenweise eher impressionistische Momentaufnahmen erleben. Inszenatorisch stützt sich „Amrum“ auf eine Mischung aus beobachtender Ruhe, präzise gesetzten Schockmomenten und episodischen Begegnungen. Daraus entsteht eine Struktur, die zwar emotional trägt, zugleich aber gelegentlich den Eindruck erweckt, der Film verliere Figuren und Themen immer wieder aus dem Blick. Manche Konflikte sind stark auf Funktion hin gebaut, wodurch Zwischentöne zugunsten klarer Botschaften und Symbole zurücktreten. Besonders dann, wenn der Film seine moralischen Aussagen symbolisch überhöht, verliert er an jener leisen Vielschichtigkeit, die seine stärksten Szenen prägt.


Szene aus „Amrum“: Ein Junge übergibt einem Mann am Strand einen Gegenstand, im Gegenlicht der tiefstehenden Sonne vor dem Wattenmeer.
Bildnachweis: © 2025 bombero international GmbH & Co. KG / Rialto Film GmbH / Warner Bros. Entertainment GmbH / Gordon Timpen

Die große Stärke des Films liegt in seiner konsequenten Kindsperspektive. Nanning begreift Zusammenhänge nur schemenhaft, versucht aber dennoch, daraus ein kohärentes Weltbild zu formen. Jasper Billerbeck trägt den Film als unbedarften Protagonisten, der zwar nicht als Hänschen klein in die weite Welt hinaus zieht, aber doch im kleinen Inselkosmos tastend und neugierig die Welt erkundet. Um ihn herum bilden Laura Tonke als ideologisch verblendete Mutter und Lisa Hagmeister als pragmatische Tante zwei Gegenpole: hier der fanatisch verengte Blick, dort die nüchterne Hinwendung zum Konkreten. Tonke arbeitet die Widersprüchlichkeit ihrer Figur deutlich heraus, ohne sie auf eine eindimensionale Täterrolle zu reduzieren; Hagmeister verankert das Geschehen mit subtiler Widerständigkeit im Alltagston. Kürzere Auftritte von Diane Kruger und Matthias Schweighöfer erweitern dieses Bild um weitere Haltungen zwischen Anpassung und unterschwelliger Rebellion – dramaturgisch sind sie jedoch eher Akzente als tragende Elemente, aber sie fügen sich stimmig in die Gesamtkomposition ein.


Detlev Buck wiederum verkörpert mit lakonischer Erdigkeit jene Inselmentalität, die der Film als eigenständige soziale Kraft begreift. Zusammen mit Lars Jessen bringt Detlev Buck eine norddeutsche Note in den Film. Beide spielen in gewisser Weise sich selbst und leben ihre norddeutsche Seebären-Mentalität voll aus. Zudem erhält der Film durch die Amrumer Mundart Öömrang eine lokale Verortung. Die Wurzeln dieses Dialekts reichen bis zu den frühmittelalterlichen Friesen, die sich an der nordfriesischen Küste ansiedelten und auf den Inseln eigene sprachliche Varietäten entwickelten. Öömrang ist damit keine Abwandlung des Plattdeutschen, sondern eine eigenständige friesische Sprachform mit eigener Grammatik und einem deutlich vom Hochdeutschen abweichenden Wortschatz, weshalb auch in allen Szenen mit Dialogen in Öömrang Untertitel die notwendige Übersetzung liefern. Schätzungen gehen davon aus, dass heute noch wenige hundert bis rund achthundert Menschen die Mundart noch aktiv sprechen – bei insgesamt etwa 2.000 bis 2.500 Inselbewohnern.


Szene aus „Amrum“: Eine Bäuerin mit zwei Jungen und einem Pferd steht auf einem Acker, im Hintergrund weite Landschaft unter wolkigem Himmel.
Bildnachweis: © 2025 bombero international GmbH & Co. KG / Rialto Film GmbH / Warner Bros. Entertainment GmbH / Gordon Timpen

Damit es authentisch herüberkommt, wurde extra ein Heimatkundler als Coach angeheuert, sodass unter anderem Diane Kruger glaubwürdig als Amrumerin herüberkommt, wodurch auch der Kontrast zur zugezogenen Familie Nannings fein herausgearbeitet wird. Ebenso aufrichtig wirkt, wie Fatih Akin in jeder Phase seiner Inszenierung den tief empfundenen Respekt gegenüber seinem Freund und Mentor Hark Bohm zum Ausdruck bringt. Vielleicht ist es gerade deshalb auch jener Film in Akins Filmografie, der am wenigsten seine eigene Handschrift durchscheinen lässt und vor allem eine feinsinnige Hommage für Hark Bohm ist. Am Ende setzt Akin seinem Wegbegleiter zudem ein stilles, sehr persönliches filmisches Denkmal: Die letzte Einstellung zeigt den inzwischen 85-jährigen Hark Bohm allein am Strand von Amrum – jenem Ort, an dem er vor 80 Jahren als kleines Kind das Kriegsende des Zweiten Weltkrieges erlebte – und wie er nun, als alter Mann, sanft lächelnd in die Ferne blickt. Eine stimmigere Schlussnote hätte dieses besondere Gemeinschaftsprojekt kaum finden können.



Fazit:


„Amrum“ zeichnet eine leise Coming-of-Age-Geschichte aus konsequenter Kinderaugenperspektive: Ein scheinbar alltägliches Ziel wird zur moralischen Bewährungsprobe in einer Gemeinschaft zwischen Verdrängung und Neubeginn. Fatih Akin setzt auf poetische Bilder, ruhige Beobachtung und episodische Begegnungen – atmosphärisch stark, dramaturgisch bewusst reduziert, aber auch mitunter auf Kosten vertiefter Konflikte.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 9. Oktober 2025 im Kino.


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Weitere Informationen zu „Amrum“:

Genre: Drama

Laufzeit: 93 Minuten

Altersfreigabe: FSK 12


Regie: Fatih Akın

Drehbuch: Fatih Akın und Hark Bohm

Besetzung: Jasper Billerbeck, Diane Kruger, Laura Tonke und viele mehr ...


Trailer zu „Amrum“:


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