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Kritik zu „Hamnet“: Trauer als Ursprung der Kunst

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • vor 10 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit

Nach Jahren zwischen Oscarruhm und Blockbusterkino meldet sich mit Chloé Zhao eine der einflussreichsten Regisseurinnen ihrer Generation mit einem neuen Film zurück, der ebenfalls wieder für die großen Filmpreise gehandelt wird.


Bildnachweis: © Universal Pictures
Bildnachweis: © Universal Pictures

Nach ihrem Superhelden-Abstecher ins Marvel-Universum, wo sie mit „Eternals“ erstmals mit großem Studio-Budget arbeitete, kehrt Chloé Zhao rund sieben Jahre nach ihrem letzten Independent-Film mit einem neuen Film ins Kino zurück. Die 1982 in Peking geborene Filmemacherin arbeitet seit Jahren überwiegend in den USA und hat sich mit den Filmen „Songs My Brothers Taught Me“ und „The Rider“ früh als eigenständige Stimme des internationalen Kinos etabliert. Mit ihrem dritten Film „Nomadland“ über das Leben moderner Nomaden in den USA wurde Chloé Zhao die erst zweite Frau überhaupt, die bei den Oscars mit dem Preis für die Beste Regie ausgezeichnet wurde.


Jetzt steht der Kinostart ihres fünften Langspielfilms an, der im Vorfeld international für große Aufmerksamkeit sorgte und bereits einige Preise gewann und zuletzt unter anderem erst bei den sehr prestigeträchtigen Golden Globes als bester Film in der Sektion Drama ausgezeichnet wurde; auch Hauptdarstellerin Jessie Buckley wurde geehrt. Zudem gilt der Film bei den anstehenden Oscars als potenzieller Top-Favorit in gleich mehreren Hauptkategorien. Nun kommt „Hamnet“ regulär in die deutschen Kinos. Doch ist der Film auch so gut, wie der Ruf, der ihm vorauseilt?


Darum geht es:


Der junge Lateinlehrer William Shakespeare verliebt sich in die geheimnisvolle Agnes, eine Bauerntochter, der heilende Kräfte und dunkle Gerüchte folgen. Gemeinsam gründen sie eine Familie, doch während William in London Ruhm als Dramatiker sucht, hält Agnes das Leben auf dem Land zusammen. Als die Pest ihren Sohn Hamnet aus dem Leben reißt, bricht etwas in beiden. William schreibt, um zu bewahren, was nicht zu retten war – doch kann Kunst wirklich heilen, was durch Verlust zerbrochen ist?


Die Rezension:


William Shakespeare zählt zu den einflussreichsten Autoren der Weltliteratur, zugleich aber auch zu den rätselhaftesten. Trotz der immensen Wirkung seines Werks, das insgesamt 38 Bühnenstücke, 154 Sonette und sechs Versdichtungen umfasst, ist über sein persönliches Leben nur ein Bruchteil verlässlich dokumentiert, weshalb bis heute immer wieder neue historische Deutungen und Theorien über den Barden von Avon auftauchen. Doch mit „Hamnet“ unternimmt die Regisseurin Chloé Zhao keinen weiteren Versuch, den Mythos um den Dichter biografisch zu entschlüsseln oder literaturhistorisch zu erklären. Statt das ohnehin fragmentarisch überlieferte Leben William Shakespeares weiter auszudeuten, richtet der Film seinen Blick auf die private Erschütterung, die dem Mythos des Dichters vorausgeht: den frühen Tod des Sohnes Hamnet im Jahr 1596, der womöglich zu einem seiner berühmtesten Theaterstücke inspirierte. Historisch verbürgt ist dabei jedoch lediglich die Namensnähe zwischen Hamnet und Hamlet, die im elisabethanischen England als Varianten desselben Namens galten.


Bildnachweis: © 2025 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.
Bildnachweis: © 2025 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.

Doch wo historische Fakten fehlen, setzt der Film nicht auf Erklärung, sondern auf eine emotionale Erfahrung. „Hamnet“ ist so durchweg weniger ein Film, der mit seiner Herangehensweise an historische Begebenheiten überrascht, als vielmehr einer, der beharrlich vertieft. Zhao versucht von der ersten Einstellung an, der Geschichte so viel Emotionalität wie möglich abzugewinnen und das Leid wie auch die inneren Konflikte ihrer Figuren bis ins kleinste Detail auszuleuchten. Dadurch verschenkt der Film mitunter seine Subtilität, da es stellenweise pathetischer und rührseliger wird, als es sein müsste, zumal der langsame Aufbau durchaus Geduld, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft zur emotionalen Offenheit erfordert; dennoch wird man sich der ruhigen und immer intensiver werdenden Sogkraft kaum entziehen können und sich von der emotionalen Achterbahnfahrt mitreißen lassen, die einen über den Abspann hinaus sicher noch beschäftigen wird und nach dem letzten Credit nicht direkt wieder loslässt.


Im Zentrum dieses emotionalen Gefüges steht jedoch nicht der berühmte Dichter, sondern Agnes, seine Ehefrau. Shakespeare selbst erscheint nicht als literarisches Genie, sondern als abwesender Ehemann, als Vater, der zur Zeit des Todes seines Sohnes nicht anwesend ist, und als Mann, der versucht, Schuld in Arbeit zu überführen. Das von Chloé Zhao gemeinsam mit Maggie O’Farrell entwickelte Drehbuch strukturiert diese Geschichte auffällig klassisch, als würde „Hamnet“ erzählerisch einer Theaterdramaturgie folgen. So kann man über die Laufzeit alle Stationen des Fünf-Akt-Schemas im griechischen Drama ausmachen, so wie das Finale nochmals im Besonderen die kathartische Kraft zelebriert. „Hamnet“ ist daher auch eine Hommage ans Theater selbst und begreift das Drama nicht nur als erzählerisches Mittel, sondern als existenzielle Ausdrucksform – als Raum, in dem Verlust eine Sprache findet und über das Individuelle hinausweist.


Bildnachweis: © 2025 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.
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Schon früh im Entwicklungsprozess hatte Zhao konkrete Vorstellungen von der Besetzung der zentralen Rollen. Jessie Buckley war von Beginn an als Agnes gesetzt, lange bevor das Drehbuch seine endgültige Form fand, und sieht man nun „Hamnet“, kann man sich kaum eine bessere Besetzung vorstellen. Ihr Spiel ist radikal im besten Sinne: Jessie Buckley arbeitet mit Extremen, mit einem bewusst ungebremsten Ausdruck, der Agnes’ Schmerz spürbar macht – in verkrampften Bewegungen, im Atem, im Blick. Szenen wie die Geburt oder der Tod Hamnets verlangen ihr alles ab und erwecken die seelische Erschütterung der Figur sehr direkt zum Leben. Jessie Buckley weint, brüllt, ringt und bricht vor der Kamera zusammen, ohne diese Momente zu glätten. Agnes wird so zum emotionalen Mittelpunkt des Films. In ihrem Blick liegen Schmerz, Liebe und Erkenntnis dicht beieinander.


Diese Intensität trägt den Film und bleibt lange haften, weit über einzelne Szenen hinaus. Demgegenüber steht die bewusst zurückgenommene Darstellung von Paul Mescal als William Shakespeare, der ihn zunächst verschmitzt beschwingt einsteigen lässt, um dann körperlich immer unbeweglicher zu werden. Aber auch die restliche Besetzung um David Wilmot weiß zu überzeugen. Besonders sticht dabei der Nachwuchsdarsteller Jacobi Jupe als Hamnet Shakespeare hervor. Jupe verkörpert Hamnet als wachen, empfindsamen Jungen, dessen Präsenz aus kleinen Gesten, Blicken und einer bemerkenswerten Zurückhaltung entsteht. Gerade diese Unaufdringlichkeit verleiht der Figur ihre Wucht. Auch Olivia Lynes als Zwillingsschwester Judith zeigt eine für ihr Alter bereits beeindruckend intensive Performance.


Bildnachweis: © 2025 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.
Bildnachweis: © 2025 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.

Die Bildsprache ist dabei von Anfang an sehr poetisch angelegt, mit großem Augenmerk auf die die Figuren umgebende Umwelt. Die von Łukasz Żal verantwortete Kameraarbeit arbeitet mit langen Einstellungen, natürlichem Licht und einer bewusst reduzierten Farbpalette. Gedreht mit einer ARRI ALEXA 35 verweilen die Bilder häufig auf Landschaften, Feldern und Himmelsräumen, die nicht nur illustrativ, sondern auch als Spiegel innerer Zustände der Figuren eingesetzt werden. Zhao setzt spürbar auf Beobachtung und Vertrauen in die Wirkkraft ihrer Bildsprache: Stille, Verweilen und Zurückhaltung erzeugen eine Atmosphäre, die uns unmittelbar in den emotionalen Zustand der Familie hineinzieht. Beim Szenenbild bemühte sich Fiona Crombie, die für „The Favourite“ eine Oscar-Nominierung erhielt, merklich darum, ein Sinnbild des 16. Jahrhunderts in Großbritannien zu erwecken.


Innenräume sind dabei oftmals sparsam ausgeleuchtet, häufig nur von Kerzenlicht erhellt, was die Konzentration auf Gesichter, Körper und Gesten verstärkt. Das Kostümbild fügt sich nahtlos in dieses Konzept ein. Materialien, Texturen und Farben spiegeln die innere Entwicklung der Figuren, ohne symbolisch überfrachtet zu wirken. So verändert sich beispielsweise Agnes’ Kleidung recht subtil im Verlauf der Handlung. Bei ihrem ersten Auftreten dominieren warme Beeren-, Orange- und Rostnuancen, die eine unmittelbare Lebendigkeit ausstrahlen. Im weiteren Verlauf verschiebt sich diese Farbpalette in kühlere, violette und pflaumenfarbene Töne, die eine innere Verletzung andeuten sollen, wie Kostümbildnerin Malgosia Turzanska ihr Ansinnen selbst ausführte.


Bildnachweis: © 2025 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.
Bildnachweis: © 2025 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.

Musikalisch setzt Max Richter überwiegend auf Zurückhaltung und begleitet viele Szenen mit sparsamen Klavier- und Harfenmotiven, die die Intimität vieler Momente erst möglich machen. Im epochalen Finale greift der Film jedoch auf Richters bereits vielfach verwendetes Stück „On the Nature of Daylight“ zurück, das man unter anderem bereits in „Arrival“, „Shutter Island“, „The Last of Us“ oder auch in „The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd“ hören konnte. Die emotionale Wirkung dieses bekannten Musikstücks ist unbestreitbar, zugleich wirkt seine Verwendung stark kalkuliert und wenig eigenständig. Statt den zuvor etablierten leisen Ton fortzuführen, setzt der Film hier auf eine vertraute emotionale Abkürzung, die den zuvor aufgebauten Eindruck von Zurückhaltung etwas unterläuft.


Fazit:


Lose an historische Ereignisse angelehnt, macht Chloé Zhaos neuer Film „Hamnet“ eine Trauerbewältigung intensiv erfahrbar und setzt zugleich eine Hommage ans Theater – poetisch wie atmosphärisch bebildert und eindrucksvoll getragen von Jessie Buckley und Paul Mescal.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 22. Januar 2026 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Hamnet“:

Genre: Drama

Laufzeit: 126 Minuten

Altersfreigabe: FSK 12


Regie: Chloé Zhao

Drehbuch: Chloé Zhao und Maggie O’Farrell

Besetzung: Paul Mescal, Jessie Buckley, Emily Watson und viele mehr ...


Trailer zu „Hamnet“:


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