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Kritik zu „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“: Zach Creggers nächster Genrefilm-Coup?

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • 7. Aug. 2025
  • 6 Min. Lesezeit

In den USA war „Barbarian“ ein Überraschungserfolg – in Deutschland dagegen nur ein Streaming-Geheimtipp auf Disney+. Mit „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ kommt Zach Creggers neuer Film nun auch hierzulande ins Kino.


Mehrere Kinder laufen mit ausgebreiteten Armen in eine dunkle Straße hinein, während sich über ihnen ein bedrohlich grüner Himmel zusammenzieht – ein zentrales, symbolträchtiges Bild aus „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“.
Bildnachweis: © Warner Bros. Pictures

Zach Cregger ist längst kein Unbekannter mehr – doch dass aus einem Sketch-Komiker einer der aufregendsten neuen Erzähler des Horrorkinos werden würde, hätte vor einigen Jahren kaum jemand prognostiziert. Nach dem Überraschungserfolg „Barbarian“ meldet sich Cregger nun mit „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ zurück. Cregger schrieb das Drehbuch, wie er selbst erklärte, in einer Phase tiefer Trauer. Die Idee sei nicht aus einem beruflichen Plan gewachsen, sondern aus dem Versuch, mit Verlust und Schmerz umzugehen. Inspiriert von Paul Thomas Andersons „Magnolia“ und Denis Villeneuves „Prisoners“ entwarf Cregger schließlich seinen vierten Spielfilm „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ – lohnt sich dafür der Gang ins Kino?


Darum geht es:


In der Kleinstadt Maybrook verschwinden eines Nachts um Punkt zwei Uhr und siebzehn Minuten exakt siebzehn Kinder – spurlos und scheinbar freiwillig. Mit ausgestreckten Armen rennen sie in die Dunkelheit hinein und kehren nie zurück. Die einzige Verbindung: Sie alle besuchen die Klasse der Lehrerin Justine Gandy. Bald richten sich Verdacht und Zorn der Eltern gegen sie. Während die Polizei im Dunkeln tappt, beginnt Justine selbst zu suchen und stößt im Haus des einzigen Kindes, das in jener Nacht nicht verschwand, auf ein verstörendes Geheimnis. Der Ort wirkt wie eingefroren, die Fenster sind zugeklebt, die Eltern sitzen darin starr, wie leblose Puppen.


Die Rezension:


Dass man im Horrorgenre mit geringen Mitteln hohe Gewinne erzielen kann, ist längst kein Geheimnis mehr. Kaum eine andere Filmsparte verbindet niedrige Produktionskosten so zuverlässig mit kommerziellem Erfolg. Doch diese Effizienz hat ihren Preis: Aus kalkulierten Schockformeln werden Serienprodukte, die auf den schnellen Nerv statt auf den bleibenden Eindruck zielen. Eine vermeintlich originelle Idee wird so oft nur zur Verpackung für vertraute Effekte und standardisierte Nervenkitzel. Aber nach den 129 Minuten von „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ steht fest: Das ist kein Horror von der Stange, sondern einer, der dem Genre neue Energie zuführt. So meinte Cregger auch gegenüber Cinema Daily US: „Wenn man beim Schreiben schon an Marketing denkt oder daran, wie man Leute ins Kino bekommt, dann macht man es falsch.“


Regisseur Zach Cregger gibt Schauspielerin Julia Garner am Filmset von „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ eine Anweisung. Die Szene spielt in einem Klassenraum, im Hintergrund sind Schülerzeichnungen und eine Tafel zu sehen.
Bildnachweis: © 2025 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Der wahre Schrecken entsteht hier nicht im Übernatürlichen, sondern im Zwischenmenschlichen – in der Wut, die aus Trauer geboren wird, und in der Panik, die Schuldige braucht. „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ ist weniger eine Geschichte über verschwundene Kinder als ein Abbild gesellschaftlicher Zerreißproben, das die Hysterie unserer Gegenwart spiegelt. Zach Creggers Film verwebt gesellschaftliche Ängste wie Waffengewalt, Verschwörungstheorien und kollektive Verunsicherung zu einem psychologischen Drama über Schuld, Realität und Wahrnehmung – verpackt in einen Horror-Thriller, der mit surrealen Symbolen, schwarzem Humor und traumhafter Bildsprache spielt. Dabei spielt Zach Cregger virtuos mit den Erwartungen: Statt einfacher Schockmomente entfaltet sich eine kapitelweise erzählte, multiperspektivische Handlung, die verschiedene Protagonisten beleuchtet – allen voran Lehrerin Justine Gandy, deren Klasse spurlos verschwindet und die daraufhin zur Zielscheibe der Stadt wird.


In jeder Figur spiegelt sich ein anderer Aspekt des kollektiven Albtraums, während andere Kapitel etwa einen trauernden Vater, einen moralisch zerrissenen Polizisten oder einen ausgebrannten Schulleiter in den Fokus rücken. Die Figuren sind für das Genre ungewöhnlich vielschichtig gezeichnet – und das Ensemble versteht es, diese Nuancen spürbar zu machen. Julia Garner spielt Justine nicht als klassische Heldin, sondern als lange undurchsichtige Protagonistin. Nachdem ihre Klasse spurlos verschwindet, wird sie zur Projektionsfläche aller Ängste: Eine Hexe, wie jemand auf ihr Auto sprüht. Garners Darstellung der Lehrerin wirkt zugleich entschlossen wie verletzlich und gleichermaßen glaubwürdig, sodass man ihr gern auf ihrem Weg durch den Albtraum von Maybrook folgt. Josh Brolin verkörpert den Vater eines verschwundenen Kindes mit einer Mischung aus Wut, Schmerz und unberechenbarer Ohnmacht, die einen sinnbildlichen US-Wutbürger kreiert, der sich in seinem Wahn eine AK-47 halluziniert.


Josh Brolin als aufgebrachter Vater während einer Versammlung in der Schule. Die Szene aus „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ zeigt ihn konfrontativ vor Eltern und Lehrenden.
Bildnachweis: Photo by Quantrell Colbert

Auch die Nebenrollen fügen sich gelungen in das Gesamtbild ein: Benedict Wong als Schulleiter, der unter der Last seiner eigenen Schuld zerbricht, Austin Abrams als drogensüchtiger James, der Verzweifelte am Rand der Gesellschaft, und nicht zuletzt auch der talentierte junge Cary Christopher als Alex, der für einen Kinderdarsteller sehr beeindruckend nuanciert das einzige überlebende Kind der Schulklasse spielt. Jedes Kapitel verschiebt die Perspektive, enthüllt neue Facetten, lässt die Handlungsstränge unaufhaltsam aufeinander- und ineinanderprallen und legt neue Einsichten frei. Jeder Erzählstrang stößt an die Sicht eines anderen und verändert so das Verständnis des Ganzen. Durch diese präzise Informationsdosierung bleibt das Publikum aktiv eingebunden – zum Mitdenken statt zum bloßen Erschrecken. „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ entfaltet seine Spannung mit bedächtigem Tempo und bleibt lange rätselhaft.


Zach Cregger inszeniert „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ mit hoher technischer Präzision und einem feinen Gespür für atmosphärische Dichte. In seiner Inszenierung setzt Zach Cregger auf suggestive Spannung statt vordergründiger Effekte. Einzelne Szenen werden aus wechselnden Blickwinkeln erneut gezeigt, wodurch sich Puzzlestücke zu einem größeren Ganzen fügen. Die Kamera bleibt dicht an den Figuren, wechselt zwischen subjektiver Wahrnehmung und beobachtender Distanz und macht so die Unsicherheit der Handlung spürbar. Schnitt und Ton werden gezielt als dramaturgische Werkzeuge eingesetzt: lange Einstellungen, abrupte Rhythmuswechsel und minimalistische Soundflächen erzeugen eine stetige Anspannung. „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ spielt gekonnt mit Kontrasten – offene Räume und enge Korridore, grelles Neon und kalte Schatten, surreale Traumsequenzen und brutale Realität verschmelzen zu einem eigenwilligen Stil.


Julia Garner und Josh Brolin in einer angespannten Autoszene bei Nacht in „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“.
Bildnachweis: © 2025 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Musik und Ton werden nicht kontinuierlich eingesetzt, sondern als gezielte dramaturgische Mittel. Schon der Einsatz von George Harrisons Rocksong „Beware of Darkness“ aus dem Jahr 1970, einem spirituell aufgeladenen Song über die Verführbarkeit des Menschen und die trügerische Macht der Illusion, deutet an, worum es Cregger geht: um die Kollision zwischen kindlicher Unschuld und dem unausweichlichen Absturz in eine feindliche, von Täuschung und moralischem Verfall durchzogene Welt. Der Soundtrack von Ryan und Hays Holladay, den Regisseur Cregger selbst mitentwickelte, verzichtet weitgehend auf klassische Musikdramaturgie und setzt stattdessen auf das Spiel mit Stille, bis sich der Score in entscheidenden Momenten wie ein beklemmender Sog entfaltet. Entstanden parallel zur Postproduktion, verschmilzt die musikalische Untermalung organisch mit dem Schnitt.


Klanglich mischen sich elektronische Texturen, Drones und verfremdete Samples mit analogen Instrumenten wie Klavier, Harfe und Streicherensemble. Besonders die Harfenistin Mary Lattimore prägt den Sound mit filigranen, fast geisterhaften Zupfmotiven. Statt Melodien dominieren rhythmische Impulse, metallische Reibungen und flirrende Toncluster, die unterschwellig Bedrohung erzeugen – ein Sounddesign, das weniger auf Schockmomente zielt, sondern auf eine konstante, nervöse Wachsamkeit. Nicht alle der aufgeworfenen Fragen finden eine Antwort, doch gerade das Gefühl von Orientierungslosigkeit trägt zur dichten Albtraum-Atmosphäre bei. Auch nach der Auflösung des zentralen Mysteriums hält der Film die Spannung hoch, verliert jedoch gegen Ende seine pointierte Spannung.


Ein Junge öffnet in einer nächtlich-blauen Lichtstimmung die Vorhänge und blickt hinaus ins Dunkel. Die Szene aus „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ deutet das zentrale Mysterium des Films an.
Bildnachweis: Photo Courtesy Warner Bros. Pictures

Wie schon in „Barbarian“ wirkt das Finale überdreht, und die Frage bleibt offen, was Cregger in Maybrook letztlich erzählen will. So virtuos Zach Cregger hier das Genrekino bedient, so sehr wünscht man sich, er hätte seinem Film auch ein Finale von gleicher Originalität gegönnt. Nach dem raffinierten Aufbau und der vielversprechenden Prämisse wirkt die letztliche Auflösung überraschend konventionell – ein Abschluss, der der zuvor gezeigten erzählerischen Kühnheit nicht ganz standhält. Cregger hält sich mit konkreten Deutungen seines Films bewusst zurück, doch seine Aussagen zeichnen ein klares Bild: „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ soll kein kalkuliertes Horrorprojekt sein, sondern ein emotional aufgeladener Versuch, Verlust, Angst und Gemeinschaftszerfall filmisch zu verarbeiten. Aber gerade dieser Anspruch führt dazu, dass der Film in seiner Auflösung recht generisch wirkt.


Fazit:


Nach „Barbarian“ beweist Zach Cregger mit „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ endgültig, dass er zu den spannendsten Stimmen des modernen Horrorkinos zählt. Sein Film ist kein Horror von der Stange, sondern ein düsteres Gesellschaftsporträt, das Angst als Treibkraft menschlicher Zerstörung zeigt. Originell, packend inszeniert und getragen von einem herausragenden Ensemble um Julia Garner und Josh Brolin, beweist Cregger – auch wenn das Finale an Konsequenz verliert –, dass er das Genre nicht nur bedient, sondern weiterdenkt. Das ist Genrekino, wie man es auf der großen Leinwand erleben sollte!


>>> STARTTERMIN: Ab dem 7. August 2025 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“:

Genre: Horror, Thriller

Laufzeit: 129 Minuten

Altersfreigabe: FSK 16


Regie: Zach Cregger

Drehbuch: Zach Cregger

Besetzung: Julia Garner, Josh Brolin, Alden Ehrenreich und viele mehr ...


Trailer zu „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“:


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